Nina Chruschtschowa: „Putin will es den Amerikanern zeigen“

Wien/Kiew (APA) - In den Augen von Nina L. Chruschtschowa, Urenkelin des einstigen Sowjet-Partei- und Regierungschefs Nikita Chruschtschow, ...

Wien/Kiew (APA) - In den Augen von Nina L. Chruschtschowa, Urenkelin des einstigen Sowjet-Partei- und Regierungschefs Nikita Chruschtschow, resultiert das Handeln des Kreml-Chefs Wladimir Putin aus dessen KGB-Erziehung. „Stalin ist sein Held“, sagte die in den USA lehrende Historikerin bei der Präsentation ihres Buchs über Großvater Leonid in Wien.

Der russische Staatschef hat mehrfach kritisiert, dass ihr Großvater Nikita Chruschtschow die Krim 1954 der Ukraine überließ, die Halbinsel sozusagen „verschenkte“, rief die Chruschtschow-Enkelin in Erinnerung. Mit der Annexion der Krim vermeinte Putin den Russen „ihren Stolz zurückgegeben zu haben“. Jetzt befinde sich der Kreml-Chef „fast an den Toren Europas“, wie Chruschtschowa es ausdrückte.

Europa sei gefordert, Führungsstärke zu zeigen. Es gelte, einen Dialog, „Verhandlungen ohne Waffen zu führen“, sagte Chruschtschowa. Die NATO stelle keine Bedrohung dar. Die Autorin, die an der New School University in New York das Fach Internationale Beziehungen unterrichtet, erinnerte daran, dass Putin, als er an die Macht kam, selbst erklärt hatte, die NATO bedeute keine Gefahr, denn Russland sei ein europäisches Land.

Die amerikanisch-russische Politikanalystin hat den Eindruck, dass die Chemie zwischen den beiden Großmachtführern Wladimir Putin und Barack Obama nicht wirklich stimmt. „Putin und Obama können nicht miteinander.“ Putin habe mit Minderheiten keine Freude, das habe sich auch im Tschetschenien-Konflikt gezeigt. Obama wiederum wolle von allen geliebt werden und sei beunruhigt, „weil Putin ihn nicht mag“. Den Hang, alles kontrollieren zu wollen, hätten beide gemeinsam.

„Putin will es den Amerikanern zeigen“, analysiert Chruschtschowa die politische Befindlichkeit. Dahinter stehe der Gedankengang: Wenn die Amerikaner sogar ihre Freunde ausspionieren, wenn sie im Irak Krieg führen, warum sollten die Russen dann nicht auch auf der Krim und in der Ukraine tätig werden. Putin praktiziere ein „Top down system“ (von oben nach unten). Am Schluss des Buches stelle sie selbst die Frage, ob Russland jemals eine Demokratie werden könne, so die Autorin.

Chruschtschowa betitelt ihr Buch „The lost Khrushchev – A journey into the Gulag of the Russian Mind“. Der „verlorene Chruschtschow“ – damit meint sie ihren Großvater Leonid, der 1943 als Kampfpilot abstürzte. Die Sowjets schufen die Legende, dass er überlebt, desertiert und mit den Nazis kollaboriert habe, schließlich gefasst und als „Verräter“ unter Stalin hingerichtet wurde. Wie Stalins mächtiger Außenminister Wjatscheslaw M. Molotow ihr als Kind ins Gesicht sagte, dass diese Verräter-Version „Quatsch“ sei – das stellt die Autorin an den Beginn ihres Werks. Sie kommt zu dem Schluss: „Wenn man etwas über den Kreml schreibt, lügt jeder.“

Jetzt hat Chruschtschowa diesen bisher ungeklärten Teil ihrer Familiengeschichte aufgearbeitet. Das Buch enthält auch zahlreiche Fotos des Chruschtschow-Clans. Eingehend analysiert die Autorin den russischen Charakter und den „geistigen Gulag“, wie der zweite Teil des Buchtitels besagt, und den ein Kritiker als „Neigung zu Despotismus und Paranoia“ bezeichnet. Sie widmet das Buch ihrer Mutter Julia, über die sie schreibt: „Auch meine Mutter war ein Produkt des Gulag, nicht seiner physischen Brutalität, aber seiner Geisteshaltung.“

Chruschtschowas Recherchen an Originalschauplätzen und ihre Gespräche mit Zeitzeugen führen herauf bis in die Putin-Ära. „Als modernen Zar, der im Namen traditioneller Werte regiert, westliche Dekadenz ablehnt“ (Stichwort feministische Band Pussy Riot) und der ein neo-sowjetisches Land vor Augen habe, beschreibt sie den russischen Präsidenten im Buch. Auch die Olympischen Spielen in Sotschi trifft Kritik: Beim Medaillenregen für die Russen sei viel manipuliert worden und die ökologischen Schäden seien noch nicht abzuschätzen, betonte sie bei ihrem Wien-Auftritt.

(Nina L. Khrushcheva, „The Lost Khrushchev: A Journey into the Gulag of the Russian Mind“; in englischer Sprache; Tate Publishing, New York, USA; 320 Seiten, 15 Euro; 2014; ISBN 948-1-62994-544-6)