Wiener Prater - Experte: „Nostalgie alleine erschöpft sich schnell“

Wien (APA) - „Plastische optische Vorstellungen“ und „mechanische Künste“ hat der Wiener Prater schon 1825 angepriesen. Heute tummeln sich j...

Wien (APA) - „Plastische optische Vorstellungen“ und „mechanische Künste“ hat der Wiener Prater schon 1825 angepriesen. Heute tummeln sich jährlich rund vier Millionen Menschen in einem der ältesten Vergnügungsparks der Welt. Auf Nostalgie alleine dürfe man sich jedoch nicht verlassen, erklärte der Experte Ulrich Müller-Oltay, Chef des Verbands Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen, im APA-Interview.

Gerade bei historischen Parks komme es auf die richtige Mischung zwischen Geschichtsflair und modernen Fahrgeschäften an. „Nostalgie alleine erschöpft sich schnell“, meinte der Geschäftsführer des Verbands. Derzeit seien vor allem interaktive Attraktionen stark im Kommen - seien es nun Boote, auf denen mithilfe von Pumpen Wasserspritzen gefüllt und andere abgeschossen werden können oder Achterbahnen, die den Fahrgast auch zur Mäusejagd einladen.

Auch die Erzählung rund um Ringelspiel und Geisterbahn spielt eine immer größere Rolle: „Früher hat es gereicht, ein Stahlgerüst aufzustellen, auf dem man mit einem Wagen fahren konnte. Heute sind die Attraktionen thematisiert und stehen oft in dazu passenden Themenbereichen“, so Müller-Oltay. Besucher werden so selbst zu Cowboys oder Piraten. Nervenkitzel ist dabei nach wie vor gefragt: Im Wurstelprater eröffnet heuer im Herbst etwa „Sky Diving“, bei dem Mutige in einem riesigen vertikalen Windkanal in die Höhe geblasen werden und somit kurzfristig ohne zusätzliches Hilfsmittel „fliegen“ können.

Aber auch wenn der Trend natürlich ein bisschen in Richtung höher, schneller und weiter geht und viele Menschen in Vergnügungsparks auf der Suche nach dem nächsten Kick sind, bedeutet das nicht, dass traditionelle Fahrgeschäfte ausgedient haben.“Klassische Geschäfte sind nach wie vor beliebt, sie werden ja auch stetig verfeinert. Die traditionelle Geisterbahn hat sich beispielsweise eher in Richtung interaktives ‚Haunted House‘ entwickelt.“ Und nicht immer wollen die Menschen mit 14 Metern pro Sekunde in die Höhe katapultiert oder rückwärts durch Loopings geschleudert werden.

„Ein wichtiges Segment sind familienfreundliche Attraktionen, bei denen alle zusammen Spaß haben können und nicht jemand zuschauen muss“, meinte der Chef des Verbands Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen. Denn Vergnügungsparks wie etwa der Familypark Neusiedlersee wollen die ganze Familie ansprechen - durchaus auch in drei Generationen.

Die Zukunft sieht Müller-Oltay daher einerseits in thematisierten generationenübergreifenden Vergnügungen, andererseits in neuer Technik. „3D- und 4D-Technik wird sicher genauso eine Rolle spielen“, meinte der Verbandschef. Im Fantasiana-Erlebnispark Straßwalchen in Salzburg hat im vergangenen Jahr etwa der „KnightsRide Tower“ eröffnet, der freien Fall mit ausgeklügelten Videoprojektionen verbindet.

Ständige Investitionen seien in der Freizeitparkbranche aber ohnehin ein Muss: „Alleine aufgrund der Konkurrenzsituation zu anderen Parks oder Freizeitsegmenten und um Wiederholungskunden anzulocken, muss man den Gästen immer wieder etwas Neues bieten“, zeigte sich der Vergnügungspark-Experte überzeugt. Das müsse nicht immer ein neues Fahrgeschäft, sondern könne etwa auch ein neuer Themenbereich, eine Abendshow oder neu gestaltete Anlagen sein.

Generell versuchen Freizeitparks heute, ihre Kunden möglichst lange innerhalb ihrer Mauern zu behalten - inklusive Show- und Unterhaltungsprogramm und Übernachtungsmöglichkeiten bis hin zum Baumhaus-Hotel. Scheinbar nicht unerfolgreich: „Freizeitparks erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit“, meinte Müller-Oltay. Stimmt das Wetter, kann nicht einmal die Finanzkrise dem Geschäft etwas anhaben - im Gegenteil: „Wir haben die Krise eigentlich positiv erlebt, 2009 war ein gutes Jahr mit deutlich mehr Besuchern.“ Denn das Vergnügungsgeschäft sei zwar wetter-, aber dafür kaum konjunkturanfällig.

Das führt der Experte vor allem auf die Emotionalisierung und Illusionskraft der Vergnügungsparks zurück: „Das Eintauchen in andere Erlebniswelten, wo man Beine und Seele baumeln lassen kann, ist vor allem in Zeiten der Krise gefragt.“ Immer mehr Menschen würden Prater & Co. zudem als potenzielle Kurzurlaubsorte entdecken: „Da haben wir noch viel Luft nach oben.“

(Das Interview führte Barbara Wakolbinger/APA)