Es rauscht so schön: Neil Young sang in der „Telefonzelle“

Wien/Nashville (Tennessee)/Ontario (APA) - Neil Young bleibt ein erfrischender Widerspruch: Kaum präsentierte er seinen Musikplayer Pono, de...

Wien/Nashville (Tennessee)/Ontario (APA) - Neil Young bleibt ein erfrischender Widerspruch: Kaum präsentierte er seinen Musikplayer Pono, der einen viel besseren Sound als herkömmliche MP3 garantierten soll, schon veröffentlicht er eine Platte, die knackst und rauscht, als wäre sie in den 40er-Jahren entstanden. Zumindest das technische Gerät, eine Art „Telefonzelle“, mit dem „A Letter Home“ aufgenommen wurde, stammt ja aus dieser Zeit.

Jack White hat diese „Record Booth“ (Aufnahmekabine) erstanden und in Nashville (US-Bundesstaat Tennessee) am Standort seiner Plattenfirma Third Man Recording aufgestellt. Der so genannte Voice-O-Graph aus dem Jahr 1947, der einzige, der noch weltweit öffentlich Verwendung findet, ermöglicht es dem Besucher, eine Single (Format 6“) aufzunehmen und gleich mitzunehmen (oder von Third Man direkt zu verschicken).

Willie Nelson hat mit Jack White in der „Record Booth“ musiziert, was Neil Young möglicherweise zu „A Letter Home“ (Warner) inspiriert hat. Der Kanadier schnallte sich seine Mundharmonika um und stellte sich mit seiner akustischen Gitarre in die „Telefonzelle“, um für ihn bedeutungsvolle Lieder wie „Needle Of Death“ von Bernt Jansch, das ihn zu seinem eigenen Klassiker „The Needle And The Damage Done“ angeregt hat, einzuspielen - in purer, bodenständiger Art, unverfälscht, unbearbeitet und sehr Lo-Fi.

Herrlich, wie Young „Girl From The North Country“ (Bob Dylan) in Lagerfeuerstimmung wiedergibt, wie er Gordon Lightfoods „Early Morning Rain“ interpretiert oder Bruce Spingsteens „My Hometown“ sich zu eigen macht. Irgendwann klimpert Jack White am Klavier mit - man hat halt die Tür zur „Record Booth“ offen gelassen. Es verwirrt zunächst, dass selbst die CD-Version knistert und rauscht, aber dann entfaltet sich ein atmosphärisch heutzutage einzigartiges Werk, das Herz über Technik stellt.

Und es wäre nicht Neil Young, wenn es nicht noch ein bisschen kauziger ginge: So stellt er den Liedern auf beiden Seiten (zumindest die Vinyl-Version entspricht dem) eine persönliche, gesprochene Botschaft vorne an. „A Letter Home“ erscheint am Freitag (23. Mai) auf Platte und digital, aber es gibt auch eine Deluxe Box mit zwei LPs und allen Liedern (plus Bonustracks) auf 6“-Singles - ein üppiges, kostspieliges Set für ein Album, das aus der Pop-Antike zu stammen scheint.

Im Sommer kann man Neil Young lauter erleben: Zusammen mit seiner Garagenband Crazy Horse lässt er es am 23. Juli in der Wiener Stadthalle krachen.

(Von Wolfgang Hauptmann/APA)