Papst in Nahost: Heikle Mission und historische Momente

Vatikanstadt (APA) - Der Vatikan kündigt die erste Reise von Papst Franziskus ins Heilige Land von 24. bis 26. Mai als „Pilgerfahrt voller G...

Vatikanstadt (APA) - Der Vatikan kündigt die erste Reise von Papst Franziskus ins Heilige Land von 24. bis 26. Mai als „Pilgerfahrt voller Gebete“ an - wie man vom Pontifex aus Argentinien mittlerweile gewohnt, will er sich mit den Mühseligen und Beladenen, den einfachen Menschen großen Sorgen treffen, gleich welche Konfession.

Andererseits stehen ebenso heikle wie prestigeträchtige Termine mit König Abdullah II. von Jordanien, Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas und Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu heran - in einer Zeit, in der der Nahost-Friedensprozess in der Sackgasse ist.

Ein historischer Moment ist jedenfalls schon sicher: Die Begegnung zwischen Franziskus und dem Ökumenischen Orthodoxen Patriarchen Bartholomaios (Bartholomäus) I. in der Jerusalemer Grabeskirche werde „als zentrales Ereignis des Besuchs „länger in die Geschichte hineinwirken, als es den Moment dauert“, sagte der Münchener Kardinal Reinhard Marx im Vorfeld der Papstreise. Das orthodoxe Oberhaupt Bartholomaios I. will durch sein Treffen mit Papst Franziskus im Heiligen Land die „schwesterlichen Beziehung zwischen beiden Kirchen vertiefen“.

Mit Franziskus habe er bereits einmal ein kurzes Vieraugengespräch geführt, am Tag nach dessen Amtseinführung im Vatikan. „Da habe ich festgestellt, dass Gott der römisch-katholischen Schwesterkirche einen Menschen geschickt hat, der die Realitäten dieser Welt kennt“, so der Patriarch laut Kathpress.

Israelis und Palästinenser hoffen im derzeitigen Patt des Nahostfriedensprozesses auf die politische Strahlkraft eines Papstbesuchs, wenngleich sich dieser in seiner Reise- und Programmplanung ausdrücklich auch auf Treffen mit einfachen Menschen festgelegt hat. Der Besuch von Franziskus ist nach Worten des Rektors des lateinischen Priesterseminars in Beit Jala und Sprechers des Papstbesuches, Jamal Khader, von großer Bedeutung für die Palästinenser. Die Visite spiele eine wesentliche Rolle für die „palästinensische Sache“ und mache auf das Leiden des palästinensischen Volkes aufmerksam, sagte Khader laut der palästinensischen Nachrichtenagentur „Wafa“.

Franziskus werde im Westjordanland beim Mittagessen einen jungen Palästinenser treffen, der keinen Ausweis besitze. „Denn unsere Papiere müssen von Israel bestätigt werden. Dieser junge Mann wurde während der Ersten Intifada in Bethlehem geboren - und wegen all der Beschränkungen wurden seine Dokumente nie bestätigt. Er ist jetzt 21 und kann nicht auf die Universität gehen. Er kann nicht heiraten. Er ist ein Mann, der offiziell überhaupt nicht existiert.“ Das offizielle Palästina erwartet sich einiges vom Pontifex-Besuch: „Dieser Papst ist der Papst der einfachen Leute in der ganzen Welt. Und deshalb wird der Besuch uns dabei unterstützen, die längste Besatzung der Neuzeit zu beenden“, so Siad Bandak, Abbas‘ Berater für christliche Angelegenheiten.

In Israel sieht man den Besuch pragmatisch: „Allein dass der Besuch stattfindet, ist ein Pluspunkt. Er wird hoffentlich den Pilgertourismus weiter fördern“, sagte ein israelischer Regierungsvertreter laut AFP freimütig unter der Bedingung, dass sein Name nicht zitiert wird. Dabei hat Papst Franziskus, der die Programmpunkte seiner Auslandsaufenthalte persönlich auswählt, geografisch und inhaltlich die Schwerpunkte anders gesetzt. Das Kernland Israel spielt nur eine Randrolle. Und die Begegnungen sind so gewählt, dass der Ruf des Kirchenoberhaupts, sich für die Schwächeren einzusetzen, klar zum Ausdruck kommt.

Israels Ministerpräsident Netanjahu wird bei einem diplomatischen Briefing Gelegenheit haben, „zu erklären, wie wir die aktuellen Entwicklungen in der Region einschätzen. Dabei werden wir ihm auch unsere atomare Bedrohung durch den Iran erklären“, so der auf seine Anonymität bedachte Regierungsvertreter laut AFP.

Wegen des umstrittenen Status von Jerusalem hat der Vatikan insistiert, dass dieses Treffen im kircheneigenen Notre Dame-Zentrum stattfindet, das im Grenzstreifen zwischen dem West- und Ostteil der Stadt liegt. Selbstverständlich sind dagegen die Besuche des Oberhaupts des Vatikanstaats in der Residenz des israelischen Staatsoberhauptes Shimon Peres und in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Offen sind zwischen Israel und dem Vatikan auch noch Rechts- und Steuerfragen. Erst seit 1993 gibt es wechselseitig Botschafter. Vatikanischer Unmut bestand und besteht über die schleppenden Verhandlungen zum Rechts- und Finanzbereich. Dazu gehört auch die Steuerbefreiung für katholische Non-Profit-Organisationen wie Hospitäler, Schulen und Gästehäuser. Weder die frühere britische Mandatsmacht noch zunächst die Israelis hätten dieses vom osmanischen „Sultan und Imperator“ garantierte Privileg außer Kraft gesetzt, es gelte somit weiter, argumentiert die katholische Kirche laut Kathpress. Denn das israelische Recht beinhaltet auch immer noch osmanische Gesetze.

Die israelischen Unterhändler meinen allerdings, man lebe in einer neuen Epoche mit neuen Gegebenheiten, das neue Abkommen müsse mit den Grundlagen des israelischen Gesetzes in Einklang gebracht werden - wobei die Israelis offenbar „Parallel-Forderungen“ aus dem islamischen Bereich befürchten. Von einer Steuervergünstigung hängt jedoch das Überleben kirchlicher Einrichtungen ab, und damit die Lebensgrundlage vieler Christen. Ein Termin für eine Verhandlungsrunde für ein Abkommen wird erst nach dem Papstbesuch festgesetzt.

Etwa 500.000 Christen leben heute im Heiligen Land. Nach Angaben des Patriarchalvikars der Hebrew Speaking Catholics, Pater David Neuhaus, leben derzeit rund 200.000 Arbeitsmigranten und 55.000 Asylsuchende in Israel; die große Mehrheit in beiden Gruppen sind Christen. Die Zahl der einheimischen Christen in Israel liege dagegen bei 160.000. Für Palästina und Jordanien rechnet man ebenfalls mit zusammen rund 100.000. Die Zahl der arabischen Christen ist schon seit Jahrzehnten rückläufig - auch durch Auswanderung in die USA oder Europa.