Ukraine-Krise - Der Maidan: „Es riecht noch nach Revolution“

Kiew/Moskau (APA) - Es riecht noch nach Revolution, hier lebt sie noch die Revolution - und ihre Auswüchse. Barrikaden aus Ziegelsteinen, ha...

Kiew/Moskau (APA) - Es riecht noch nach Revolution, hier lebt sie noch die Revolution - und ihre Auswüchse. Barrikaden aus Ziegelsteinen, haufenweise Reifen, pamstige Säcke, Holzstellagen, Stacheldraht, verbrannte Kleidung, Flaschen, Fahnen, und dazwischen Dutzende Bilder Gestorbener, Blumen, Kerzen. Wer zum ersten Mal über den Unabhängigkeitsplatz Maidan in der ukrainischen Hauptstadt Kiew geht ist überwältigt.

Die Mai-Sonne stimmt friedlich. Die Revolution hat im November mit der Nicht-Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU durch den damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch begonnen. Mitte Februar gipfelte sie mit der Tötung von mindestens 100 Protestierenden durch die Sonderpolizei „Berkut“. Janukowitsch flüchtete.

Damals war eiskalter Winter, die Barrikaden waren Säcke und sehr viel Schnee. Die Ziegelsteine wurden aus dem Boden geklopft und zu Wurfgeschoßen. Spartanische Lager zum Wärmen und Küchen wurden im Zuge des wochenlangen Widerstands eingerichtet.

Die Kameras blitzen, jeder will heute posieren. Der Maidan ist mittlerweile zur lebenden Gedenk- und Kultstätte geworden. Doch immer wieder Stille, Andacht, die Stimmen versagen beim Anblick der Fotos, der auf dem Maidan Getöteten. Fast ausschließlich Männer, von jungen 17 bis reifen über 70 Jahren. Auch Fotos, die sie mit ihren Frauen und Kindern zeigen, die Katze im Arm. Manche haben Angehörige und Freunde in Grabsteine gravieren lassen. Das Blumenmeer macht den jungen Friedhof lebendig, jeden Tag kommen neue Heiligenbilder, Kreuze, Schleifen in den blau-gelben Nationalfarben und Gedenkbotschaften hinzu. Am Abend werden einige der Hunderten Kerzen angezündet.

Ein Mann in Uniform wacht neben einer der vielen Gedenkstätten und raucht. Hinter ihm ein Zelt. Sein ebenfalls uniformierter Kollege wäscht Kleidung. Sie leben hier und sie sind viele. Die Mehrheit trägt Symbole der Ukrainischen Aufstandsarmee UPA. Zwei Männer trainieren einem möglichen Angreifer ein Messer aus der Hand zu schlagen. In dutzenden Zelten über den ganzen Platz verteilt haben sie sich ihr Partisanenlager geschaffen. Hier wird gekocht, diskutiert und vor allem eines: Präsenz gezeigt. Erst Anfang des Monats hatte Übergangspräsident Alexander Turtschinow vor dem Feiertag zum Gedenken an den Sieg im Zweiten Weltkrieg über Nazi-Deutschland vor russischen Provokationen gewarnt, die Barrikaden wurden verstärkt.

Ukrainer beginnen die Daueranwesenheit der Männer im Kampfdress aber bereits zu hinterfragen. „Warum machen sie das? Es ist nicht notwendig, dass sie hier permanent wachen. Wenn etwas passieren würde, dann wären über Netzwerke wie Facebook binnen kürzester Zeit Tausende Menschen hier. Vielleicht ist das schon der soziale Effekt, Leute, die ein Teil der Bewegung sein wollen“, meint ein Kiewer gegenüber der APA kritisch.

Das Maidan-Pressezentrum ist in den vergangenen Wochen mehrmals gewandert. Jetzt ist es in einem veralteten Sowjetbau untergebracht, gegenüber dem ausgebrannten Gewerkschaftsgebäude. Schreie empfangen den Besucher. Bei einer heftigen Diskussion reißt ein Uniformierter einem anderen das Mikrofon aus der Hand. Die Emotionen gehen hoch, die Stimmung ist aufgewühlt, es geht um die Wahl am 25. Mai. Pläne werden geschmiedet und immer wieder „Maidan“, „Maidan“. Fast kommt es zu einer Schlägerei. Zwar heißt es Pressezentrum, aber „Revolutionshauptquartier“ würde besser passen. Die im Paroleton Diskutierenden in ihren Uniformen haben Gänsehauteffekt. Hier ist eines klar: „Die Ukraine ist im Krieg.“ Auch die wenigen Frauen tragen Militärkleidung, ihr starr-strenger Auftritt sagt Kampf.

Zehn Hriwna, umgerechnet ca. einen Euro, kostet ein Maidan-Gedenk-Magnet. Wählen kann man zwischen einem tränenden blau-gelben Auge, dem zum Kultsymbol des Prunks und Protzes von Janukowitsch gewordenen, goldenen Brot oder Menschenmassen mit der Unterschrift Euromaidan. Aber auch T-Shirts, Kappen, Ansteckbänder, alles in den ukrainischen Nationalfarben und -symbolen, es gibt nichts, dass die Souvenirverkäufer nicht haben. Sie nutzen die Chance, sich am Maidan ein bisschen was dazuzuverdienen - viele bekommen nicht mehr Gehalt oder Pension als 100 Euro im Monat.

Das berühmte Klavier, dass der Miliz trotzte wird gespielt; eine Ausstellung, zeigt Fotos der Frauen vom Maidan, wie sie in Trümmern Verwundeten Helfen oder in Fahnen gewickelt den Protest stolz vorantragen. Aber auch auf Wände geklebte Zeichnungen bewegen - Kinder haben in der Schule ihre Eindrücke der Revolution gemalt. Eine vorwiegend ungenutzte Bühne ist noch im österlichen „Christus ist auferstanden, Ukraine erstehe auf“, neben der Unabhängigkeitssäule stehen die Pfeiler des Christbaums, für die protestierenden Ukrainer ein blutiges Symbol, der ersten Gewaltakte durch „Berkut“. „Russland stehe auf. Alle gemeinsam gegen Putin“, ist auf diesen in großen Bannern zu lesen. „Stop Propaganda, Patriotismus Maidan“, so die Botschaft bemalter Ziegelsteine. Verbannte Kleidung, Helme, Gasmasken, Decken, Metallcontainer, Gitter, dazwischen immer wieder das ukrainische Wappen und der Spruch „Ehre den Helden“.

„Die vielen EU-Symbole sind verschwunden, dafür gibt es jetzt Kosaken-Bilder. Das dürfte der gewandelte, neue Geist der Bewegung sein“, meint ein Beobachter, der den Maidan nach der Konflikteskalation vor drei Monaten aufgesucht hatte. „Janukowitsch ist weg, die Gewalt vorüber, was machen die vielen Kampfbereiten hier? Und was ist, wenn ihnen der Wahlausgang nicht gefällt...“ In diesem Augenblick marschiert ein Trupp von ca. 20 Uniformierten vorbei, es riecht nach Unbehagen.