Ukraine-Krise - Slawist Moser: „Es herrscht Krieg“

Kiew/Wien (APA) - „Es herrscht Krieg, es werden Leute gefoltert, ermordet, Journalisten und Politiker entführt, Augen ausgestochen, Rot-Kreu...

Kiew/Wien (APA) - „Es herrscht Krieg, es werden Leute gefoltert, ermordet, Journalisten und Politiker entführt, Augen ausgestochen, Rot-Kreuz-Stationen überfallen und Referenden gefälscht“, zeigt sich der Universitätsprofessor am Wiener Institut für Slawistik, Michael Moser, über den „Krieg“ in der Ukraine im Gespräch mit der APA schockiert. Dahinter erkennt er „Terroristen, die im Auftrag Moskaus agieren“.

Die Reaktion der EU hält er für „unerträglich“. Die EU müsse aufhören „feig zu sein“ und mit „Kaschperlsanktionen“ zu antworten. „Russland ist von der EU mehr abhängig als umgekehrt“, zeigt sich der Präsident der Internationalen Ukrainistenvereinigung überzeugt. Moser spricht vom „Märchen von russischer Gasabhängigkeit - das ist keine unilaterale Abhängigkeit“. „Die russischen Eliten wollen nach Europa und wollen in Europa willkommen sein.“

Die EU müsse Russland „mit schärferen Sanktionen“ zeigen, dass es so nicht agieren könne, betont der Wissenschafter. „Wenn auch nur ein Land in Europa beginnt, Bevölkerungen nach dem Modell (des russischen Präsidenten Wladimir, Anm.) Putin zu befreien, dann Gnade Gott Europa.“

Die Referenden auf der Krim und in den ostukrainischen Regionen Luhansk und Donzek seien „gefälscht“ und hätten „kein Mindestmaß an Legitimität“. Russland selbst habe in einem Dokument „unfreiwillig“ zugegeben, dass diese Abstimmungen gefälscht seien, verweist der Universitätsprofessor auf Medienberichte, laut denen interne Dokumente versehentlich an die Öffentlichkeit gelangt seien. Umfragen im Vorfeld hätten ebenfalls ein ganz anderes Bild gezeigt.

Der Status der Krim „könnte über Jahre in Schwebe bleiben“. „Man hat dem Mob und Leuten mit zwielichtiger Vergangenheit die Macht gegeben, die Krimtataren werden unterdrückt“, viele Ukrainer würden fliehen, so Moser. Der Tourismus werde über Jahre zerstört sein. Nach der russischen Annexion sei ein 16-jähriger Mann, der ukrainisch auf der Krim gesprochen habe, laut Medienangaben umgebracht worden.

Trotz allem zeigt sich der Slawist hoffnungsvoll. „Die Ukraine wird in ihrer heutigen Form bestehen bleiben und auch die Krim zurückbekommen. Er könne sich „nicht vorstellen, dass die internationale Politik das a la longue akzeptiert, was Russland hier macht.“

Obwohl Moskau weiter versuchen werde, die ukrainischen Präsidentschaftswahlen am 25. Mai zu „hintertreiben“, werden sie nach Ansicht des Professors durchgeführt werden. Der Präsidentschaftskandidat Petro „Poroschenko hat bisher im Wesentlichen noch nicht das Gesicht verloren, ich denke er ist vergleichsweise der beste Kandidat, ich erwarte von ihm positive Impulse in Zusammenhang mit einem gestärktem Parlament“. Der neue Präsident werde jedoch weniger Macht haben, als sein Vorgänger, der Ende Februar gestürzte prorussische Präsident Viktor Janukowitsch.

Auch das „Oligarchengefüge wird sich stark ändern“. Viele hätten sich mit Janukowitsch arrangiert und „in der neuen Ukraine sicherlich weniger zu sagen“, meint Moser. Rinat Achmetow, der reichste Oligarch des Landes und Herr über ein riesiges Geschäftsimperium in der Region, habe sich beim Geschehen in Donezk und Luhansk allem Anschein nach „mitschuldig“ gemacht.

Positiv sei aber zu bemerken, dass durch die Ereignisse in der Ukraine ein „neuer Patriotismus entstanden“ sei. Die Leute wollten Ukrainer sein, unabhängig von ihrer Herkunft und Sprache. Einen Sprachkonflikt gebe es in keiner Weise, das Sprachgesetz sei in Kraft und die russische Sprache in der Ukraine von jeher geschützt. „Die Ukraine war und ist ein multiethnischer Staat.“

Auch der gewaltbereite „rechte Sektor“ ist Moser zufolge ein „Medienmythos“. „Es gibt rechtsradikale Kräfte, aber diese sind nicht stärker oder radikaler als die in Österreich.“

Putin selbst sei „einer der größten Schurken“, „er will offenkundig in die Geschichte eingehen als einer, der das russische Volk groß macht“, so der Slawist. Hinter „angeblichen geopolitischen Interessen“ würden Chefideologen im Kreml unter dem „Weltbild des Eurasismus“ ein „klar faschistoides, menschenverachtendes, gleichschaltend und gewalttäterisches Konstrukt wie im schlimmsten Stalinismus“ verfolgen. „Die Gräuel der Sowjetunion, die totalitäre und verbrecherische Vergangenheit wurden nie aufgearbeitet. Diese Altlast macht sich heute aufs Schlimmste bemerkbar“, unterstreicht der Slawist. In Russland sei alles „kontrolliert und die Leute durch Lügenpropaganda verblendet“.

Dennoch zeigt sich Moser „optimistisch“, dass sich Russland „von selbst“ ändern werde und nennt begründend etwa einen „Kapitalabfluss“.