Poroschenko verspricht hartes Vorgehen gegen „Terroristen“

Kiew/Saporoschje (APA) - Knapp 1.000 Anhänger warten an diesem Abend in der südostukrainischen Metropole Saporoschje (Saporischschja) auf de...

Kiew/Saporoschje (APA) - Knapp 1.000 Anhänger warten an diesem Abend in der südostukrainischen Metropole Saporoschje (Saporischschja) auf den Präsidentschaftskandidaten und auf den ersten Blick wirkt alles wie ein gewöhnlicher europäischer Wahlkampf mit ukrainischen Elementen: Am Festivalplatz der 700.000-Einwohner-Stadt steht eine große Bühne, für den Kandidaten wurde ein Korridor durch die Menschenmenge vorbereitet.

Im Publikum fallen neben ukrainischen blau-gelben Flaggen die vielen nagelneuen Fahnen von Witali Klitschkos Partei „Udar“ auf, die vor diesem „Treffen mit Petro (Pjotr) Poroschenko“ ausgeteilt und anschließend auch wieder eingesammelt werden. Klitschko gilt als einer der wichtigsten Unterstützer Poroschenkos. Der ehemalige Boxer hat derzeit selbst Chancen, in Kiew zum Bürgermeister gewählt zu werden. Am 25. Mai wird nicht nur der ukrainische Präsident gewählt, in zahlreichen Städten, darunter auch in Kiew, finden parallel Lokalwahlen statt.

Zurück nach Saporoschje: Der Präsidentschaftskandidat, der eine Stunde zuvor noch in der 120 Kilometer entfernten Bezirksstadt Melitopol aufgetreten war, ist noch nicht da und seine Fans müssen einstweilen mit Vorrednern vorlieb nehmen: Nach dem Parlamentarier Mykola (Nikolaj) Tomenko, der 2004 als einer der Chefideologen der „Orangen Revolution“ galt, ergreift Jurij Luzenko das Mikrofon. Der populäre Ex-Innenminister, der unter Präsident Viktor Janukowitsch in einem fragwürdigen Gerichtsverfahren zu vier Jahren Haft verurteilt worden war, hatte als enger Mitstreiter von Poroschenkos Hauptkonkurrentin Julia Timoschenko gegolten. Vor wenigen Wochen wechselte er jedoch die Seiten und erklärte, fortan Poroschenko zu unterstützen.

Dass es sich 2014 um keine gewöhnliche ukrainischen Wahlkampf handelt wird bereits in der ersten Reihe deutlich. Eine ältere Dame mit einem blau-gelben Blumenkranz hält eine überlebensgroße Papiertaube in die Höhe und ein Plakat mit „Nein zum Krieg“. Der Ukraine werde ein Krieg aufgezwungen, ist zu lesen, und dass das Land Frieden brauche.

Seit den Ereignissen auf der Krim und nunmehr verstärkt durch bewaffnete und bisweilen kriegerischen Auseinandersetzungen in den Region Luhansk und Donezk wurden Krieg und Frieden zum Hauptthema. Insbesondere gilt das auch für die Region Saporoschje, die im Osten an die Krisenregion Donezk grenzt.

Und auch ein etwas heiserer Poroschenko spricht zunächst ausführlich über Krieg und Frieden. In seinem Wahlprogramm „Auf neue Weise leben“, sagt er, sei Sicherheit das Allerwichtigste. Er lobt die Bevölkerung von Saporoschje für die Verhinderung eines „Donezker Szenarios“. Die Region habe sich als „Vorposten des Ukrainertums“ gezeigt. Poroschenko spricht während der Demonstration hauptsächlich Ukrainisch, das auch - so fordert er - die einzige Staatssprache bleiben solle. Seine mehrheitlich russischsprachigen Anhänger an Ort und Stelle haben damit sichtlich kein Problem. Viele applaudieren.

Obwohl Banditen und Terroristen die Wahl verhindern wollten, erklärt er weiter, würden sich die Hoffnungen des „Verrückten von Rostow“ nicht erfüllen. Gemeint ist Janukowitsch, der nach seiner Flucht wiederholt im russischen Rostow am Don aufgetreten war.

Mit Tränen der Rührung, die nicht gespielt zu sein scheinen, erzählt Poroschenko schließlich von einer Begegnung mit einem Scharfschützen der ukrainischen Armee, der für 600 Hrywnja (36,68 Euro) im Monat in Slowjansk (Slawjansk) gegen Terroristen kämpfe. Er will dieses Gehalt für Teilnehmer an Kampfhandlungen auf 1.000 Hrywnja erhöhen: „Wir brauchen unbedingt Stabilität im Osten! Zu Ordnung und zur Vernichtung der Terroristen gibt es keine Alternative!“

Ohne ihren Namen zu nennen, übt der Kandidat in diesem Zusammenhang heftige Kritik an seiner Mitbewerberin Timoschenko. Dass für die Räumung eines Stockwerks der besetzten Donezker Regionalverwaltung 50.000 Dollar (36.507,01 Euro) an „Banditen“ bezahlt worden sei, wäre in jedem zivilisierten Staat ein Verbrechen. Julia Timoschenko soll dies, so wird kolportiert, erfolglos versucht zu haben. Mit Terroristen, ruft Poroschenko von der Bühne, werde jedoch nicht verhandelt. Zumal diese weder Ukrainisch oder Russisch, sondern lediglich die Sprache der Gewalt verstünden. Beim Publikum kommt die Botschaft gut an. Zumal Poroschenko auch verspricht, den militärisch-industriellen Komplex der Ukraine wiederbeleben zu wollen. In sowjetischen Zeiten galt die Region Saporoschje als Waffenschmiede der Ukraine.

Die aktuelle Krise, so wird auch deutlich, soll schließlich als Hauptmotiv herhalten, Poroschenko die Stimme zu geben. Die Ukraine benötige ehebaldigst einen Oberbefehlshaber, so macht der Kandidat deutlich, und könne sich eine Stichwahl nicht leisten. In aktuellen Umfragen führt er mit deutlichem Vorsprung, eine absolute Mehrheit im ersten Wahlgang wäre möglich.

Poroschenko verspricht viel: Mit Korruption sei nach seinem Wahlsieg Schluss, der europäische Integrationsprozess werde unbeirrt fortgesetzt und ab 1. Jänner 2015 würden die Ukrainer auch visafrei in die Europäische Union reisen können. Gleichzeitig verspricht der Süßwarenindustrielle eine bessere Welt nach christlich-sozialen Vorbildern. Er wolle neue Arbeitsplätze schaffen, Absatzmärkte finden und vor allem für soziale Gerechtigkeit sorgen, sagt er. In seinem Konzern „Roschen“ betrage das Durchschnittsgehalt 7.000 Hrywnja und somit ein Mehrfaches von jenem in Saporoschje: „Warum soll nicht für 45 Millionen Ukrainer das funktionieren, was wir in meinem Unternehmen für 40.000 Mitarbeiter gemacht haben.“

Abschließend gibt es noch eine kleine Runde mit Fragen aus dem Publikum. Angeblich will jemand etwas über eine Familie wissen, es dürfte kein Zufall sein, dass just die selbe Frage Stunden zuvor ihm auch bei einer Kundgebung in Melitopol gestellt worden war. Der 49-Jährige Poroschenko bittet erneut seine Frau Maryna (Marina) auf die Bühne. Er erzählt von 30 Ehejahren, zwei Töchtern und zwei Söhnen. Seine Fans schmelzen ob dieser Familienidylle dahin. Nach der ukrainischen Hymne kommen manche ihrem Idol auch etwas näher - wenn auch nur für wenige Augenblicke. Poroschenko schüttelt Hände und verteilt nahezu im Sekundenrhythmus vorgefertigte Autogrammkarten. Zu Beginn seines Auftritts hatte der Kandidat davon erzählt, dass er im Rahmen seiner Wahlkampftour fast eine Million Ukrainer gesehen habe.