Fußball - Neues Buch: Eine „Kulturgeschichte“ mit Kick

Graz/Wien (APA) - Im Vorfeld von Fußball-Großevents wie der dräuenden WM-Endrunde in Brasilien sprießen stets auch einschlägige Publikatione...

Graz/Wien (APA) - Im Vorfeld von Fußball-Großevents wie der dräuenden WM-Endrunde in Brasilien sprießen stets auch einschlägige Publikationen aus dem Boden. Doch selten sind es so dauerhafte Gewächse wie Klaus Zeyringers „Kulturgeschichte des Fußballs“, die das Zeug zum Klassiker hat, handelt es sich doch um eine umfassende, ebenso soziokulturelle wie philosophische Studie, die keine Lücke offenzulassen scheint.

Der 1953 geborenen Germanist und Literaturkritiker mit Lehrauftrag an der Karl-Franzens-Universität Graz zieht den (Spannungs)bogen von den lokal begrenzten Anfängen des Fußballsport in der Aristokratie Englands bis zum weltweiten Massenphänomen der Gegenwart, von seiner politischen und sozialen Bedeutung bis hin zu seinem Niederschlag in der Alltagskultur.

Mitunter gibt es dabei interessante „Aha-Erlebnisse“. Wenn zum Beispiel kurz die Frage aufgeworfen wird, warum international die gängigste Variante der Fußball-Saison vom Herbst bis Frühling dauert und ausgerechnet im Sommer eine Pause gemacht wird. Ursprünglich (und somit eigentlich bis heute) war die Fußball-Leidenschaft eben an das Studienjahr an britischen Universitäten gekoppelt.

Die Tour durch die Geschichte ab Mitte des 19. Jahrhunderts über die Zeiten der Monarchien, Revolutionen, Welt- und Kalten Kriege oder Diktaturen und Demokratiebildungen bis zur Globalisierung zieht sich von Großbritannien über den europäischen Kontinent, also auch Deutschland und Österreich, über Afrika bis nach Japan, Lateinamerika und in die USA. Dabei zeigt Zeyringer auch auf, wie so manches scheinbar nebensächliche Detail durchaus ein Puzzlestein der großen Weltgeschichte sein kann.

Nehmen wir beispielsweise eine an sich nebensächliche Anekdote, die sich vor über 100 Jahren abspielte, und gerade in Zeiten des Gedenkens an den Ersten Weltkrieg (1914-1918) und angesichts separatistischer Spannungen in europäischen Ländern wie der Ukraine eine besondere Aussagekraft bekommt. „Als (...) in Ungarn die Unabhängigkeitspartei nach ihrem Wahlsieg die Regierung bildete und Kaiser Franz Joseph ihr die Ernennung verweigerte, führte dies zu einer Staatskrise und zu antiösterreichischen Ausschreitungen, die im März 1905 auch ein Match der Vienna in Budapest beeinträchtigten“, erzählt Zeyringer.

Und weiter: „Geradezu demonstrativ bekundeten einander Ungarn und Tschechen ihre Verbundenheit auf dem Sportplatz. Am 1. April 1906 traten die beiden Fußballteams in Budapest gegeneinander an und miteinander auf: Die 5000 Zuschauer waren begeistert, da die Gäste aus Prag mit Armbinden in den magyarischen Farben und mit Tulpen, dem Symbol der antiösterreichischen Bewegung, einliefen.“

Kleinods wie diese gibt es viele und aus allen Weltgegenden, sodass der Leser vom auf 400 Seiten angehäuften Wissen fast platt gedrückt wird. Da ist es fast ein Befreiungsschlag, wenn ihm eine klitzekleine Ungenauigkeit auffällt. In einem Kapitel über die Auswirkungen des 3:2-Sieg Österreichs über Sepp Maier und Co. bei der Argentinien-WM 1978 in Cordoba heißt es: „Es ist der erste Sieg über das große Deutschland nach 47 Jahren; und seither ist keiner mehr gelungen.“ Das stimmt natürlich, wenn es um tatsächlich bedeutsame Bewerbspiele jeglicher Art geht, doch gab es 1986 in einem Freundschaftsspiel einmal einen 4:1-Erfolg.

Jedoch wäre es kleinlich, sich an solchen Facetten festzuklammern, schließlich hat der Autor das philosophische Ganze der Kickerei vor Augen, etwa wenn erläutert wird, wie die UEFA seiner Meinung nach den Fußball versteht. Nämlich als „Medienpatchwork der Postmoderne“. Am Schluss wird nämlich bilanziert: „Seit Beginn der Moderne wirken der Fußball und alle an ihm Beteiligten an seiner Großen Erzählung. Heute trägt sie zum Milliardenbusiness und zur Eventindustrie bei; kulturell und politisch benützt hat man sie immer wieder. Und stets hat sie auch Verklärung und Faszination bewirkt.“

In der Tat, möchte man sagen und hinzufügen: Auch Zeyringer hat einen nicht gerade kurzen Absatz zu dieser „Großen Erzählung“ beigetragen. Seine „Kulturgeschichte des Fußballs“ ist durchaus ein neues Standardwerk mit Kick...

S E R V I C E: Klaus Zeyringer: Fußball. Eine Kulturgeschichte. S. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main, 2014. 448 Seiten; 23,70 Euro. ISBN-10: 3-10-021412-9; EAN: 9783100214126.

(Das Buch wird am heutigen Dienstag im Rahmen der Veranstaltung „Brasilidade und Jogo bonito: Fußball - Nationsbildung - Maracana“ des Projekts „Nosso Jogo“ in der Residenz der Brasilianischen Botschaft in 1040 Wien, Prinz-Eugen-Straße 26, vorgestellt.)