Literatur

Selbstvertrauen und die deutsche Befindlichkeit

© ORF

Während deutsche Philosophen dem „Tatort“ wortreich zu Leibe rücken, feiert Amerikas prominentester TV-Kritiker Revolutionen in Serie.

Innsbruck –Am Anfang vieler großer Ideen steht die Krise: Die TV-Autoren Vince Gillian und Thomas Schnauz blickten nach dem Misserfolg ihrer Serie „Die einsamen Schützen“ drohender Beschäftigungslosigkeit entgegen. Da meint Schnauz in einem Anfall von Galgenhumor, dass sie notfalls immer noch ins Drogengeschäft einsteigen könnten, so wie dieser Typ, dem eine Lokalzeitung kürzlich eine Randspalte widmete: Der habe sein Wohnmobil zum Crystal-Meth-Labor umgebaut. Der Rest ist Fernsehgeschichte – und kann zurzeit dienstags und mittwochs kurz vor Mitternacht als „Breaking Bad“ auf ORF eins bestaunt werden.

In Alan Sepinwalls Buch „Die Revolution war im Fernsehen“ finden sich zahllose solcher Anekdoten. Nicht nur über „Breaking Bad“, sondern über 12 ganz unterschiedliche US-Serien, von „The Sopranos“ über „The Wire“ bis zu „Buffy – Im Bann der Dämonen“ und „Mad Men“. Wobei bereits die emphatische Verwendung des Wortes „Revolution“ im Titel zeigt, Sepinwall – immerhin einer der meistgelesenen TV-Blogger der Vereinigten Staaten – schreibt dieses Buch mit der beherzten Parteilichkeit des Verehrers, dem es seine Kontakte ermöglicht haben, hinter die Kulissen zu sehen.

Nicht zuletzt wegen dieser ohne Scheu zur Schau gestellten Begeisterung ist das Buch weniger eine sachliche Analyse des Phänomens TV-Serie, sondern zunächst einmal eine Erzählung über wachsendes Selbstbewusstsein. Noch vor wenigen Jahren galt Fan-sein als ausgemachter Kinderquatsch. Fans, das waren kreischende Mädchen, die ihr Kinderzimmer mit Postern tapezierten oder mit den Jahren in die Breite gegangene Jungs in verwaschenen „Star Wars“-Shirts. Kurz: Der Fan war ein Fremdkörper im Ernst des Lebens, sein bisweilen enzyklopädisches Wissen um kulturindustrielle Erzeugnisse wurde bestenfalls belächelt.

Mittlerweile aber gehört ein Mindestmaß an Fan- oder gar Nerd-Tum zum guten Ton. Und wie es dazu kam, lässt sich anhand von Sepinwalls Texten nachvollziehen. Dass er manche Wegmarken, „Twin Peaks“ zum Beispiel oder „Emergency Room“, auf wenigen Zeilen abhandelt und andere wie „Six Feet Under“ gar keine Erwähnung finden, mag Sepinwall den Widerspruch anderer Fans einbringen – und angeregtes Fachsimpeln auslösen.

Gefachsimpelt wird auch regelmäßig über die aktuellste „Tatort“-Folge. Dass findige Publizisten die allwöchentliche Mörderhatz zum Anlass kulturwissenschaftlicher Betrachtungen nehmen, kommt also nicht weiter überraschend. Trotzdem geriet die jetzt erschienene Anthologie „Der Tatort und die Philosophie“ zur Enttäuschung. Zu bemüht wirken die Versuche, den hinlänglich bekannten Ermittlerfiguren mit Nietzsche, Adorno oder Wittgenstein auf den Leib zu rücken. Das Problem beginnt dabei bereits bei der Suche nach der adäquaten Begrifflichkeit: Anders als der Untertitel des Bandes behauptet, ist der „Tatort“ nämlich keine Fernsehserie, sondern eine Reihe von eigenständigen Filmen mit wiederkehrenden Elementen. Und was zunächst einmal für sich stehen soll, lässt sich nur unter erheblichem rhetorischen Aufwand zu verallgemeinerbaren Thesen umformulieren. Und wenn besagte Thesen nicht über Banalitäten wie „Der ‚Tatort‘ ist seit 44 Jahren der Seismograph deutscher Befindlichkeit“ hinausgehen, kann der Mord zum Sonntag auch in Zukunft ohne philosophische Handreichung genossen werden. (jole)

Serien Alan Sepinwall: „Die Revolution war im Fernsehen“. Luxbooks, 450 S., 24,80 €. Monografie Wolfram Eilenberger (Hg.): „Der Tatort und die Philosophie“. Tropen, 215 S., 17,90 €.

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