Zentralafrika - MSF moniert eklatantes Versagen internationaler Hilfe

Wien (APA) - „Eure medizinische Hilfe ist vergeblich, wenn wir hier nicht wegkommen, werden wir alle sterben.“ Mit diesen Worten eines Flüch...

Wien (APA) - „Eure medizinische Hilfe ist vergeblich, wenn wir hier nicht wegkommen, werden wir alle sterben.“ Mit diesen Worten eines Flüchtlings im muslimischen Viertel PK12 der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui hat „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) am Dienstag in Wien einen dringlichen Appell an die internationale „Hilfsgemeinschaft“ gerichtet, die Augen nicht länger vor „vergessenen Krisen“ zu verschließen.

Er habe noch nie „eine Bevölkerung in solchem Terror erlebt“ wie in der Zentralafrikanischen Republik (RCA), sagte der langjährige MSF-Projektkoordinator Marcus Bachmann, bei der Präsentation des MSF-Jahresberichts 2013. Rund um den Jahreswechsel war Bachmann mehrere Wochen in der RCA stationiert, die seit dem Sturz von Präsident Francois Bozize durch das muslimische Rebellenbündnis „Seleka“ im März 2013 von einem Bürgerkrieg zwischen muslimischen und christlichen Milizen erschüttert wird.

Dieser sei „absolut eskaliert“: Er habe gesehen, wie Milizen Handgranaten auf spielende Kinder oder Lastwagen voller Flüchtlinge geworfen haben, erzählte Bachmann. „Und im Flüchtlingslager in PK12 gab es praktisch jede Nacht Angriffe auf Zivilisten.“ Nie werde er etwa den 17. Jänner 2014 vergessen als „eine tsunamiähnliche Menge an Kämpfern mit Macheten, Gewehren, Messern“ in das muslimische Viertel strömte, um „dort auf Menschenjagd zu gehen“.

Mittlerweile haben christliche Milizen den Süden des Landes fast völlig unter Kontrolle, der Konflikt hat sich in den Nordwesten des Landes verlagert: „Die Muster, von denen ich jetzt aus Bangui berichtet habe, das passiert jetzt im Norden des Landes“. Was auch die Helfer täglich großen Gefahren aussetzt. Erst vor wenigen Tagen wurde in Boguila, gut 400 Kilometer nördlich von Bangui ein Krankenhaus von MSF angegriffen. 16 Zivilisten starben, darunter drei MSF-Mitarbeiter. Patienten und Mitarbeitern Schutz zu bieten, sei sehr schwierig geworden, sagte Bachmann.

Und die gut 8.000 Soldaten von Afrikanischer Union, Frankreich und der EU? Diese seien großteils „bystanders“ (Zuschauer), die nicht zugunsten des Schutzes von Zivilisten intervenieren würden, erklärte Bachmann. Die Truppen seien sehr heterogen, es fehle ihnen an einem klaren Mandat und einem Aktionsplatz zum Schutz der Zivilisten.

Für MSF-Präsidenten Reinhard Dörflinger zeigt sich am Beispiel Zentralafrika, aber ebenso in Syrien, dem Südsudan oder in Somalia „ein eklatantes Versagen des internationalen Hilfssystems“, dessen Reaktion „nicht einmal ansatzweise angemessen“ sei. Vor der Situation in RCA würden MSF etwa schon seit über einem Jahr warnen: „Dann explodiert das, die Politiker schauen sich an, das internationales Hilfssystem beteuert: ‚ja doch, da muss man was tun‘ - und es passiert nichts.“ Den internationalen Truppen wirft er vor, „schon dort zu sein, aber nicht zu machen, was notwendig ist“.

Die Organisation wandte sich am Dienstag auch mit einem Aufruf an die Zivilgesellschaft: MSF Österreich konnte sich 2013 zwar über einen Spendenrekord von 24,3 Millionen Euro freuen, man suche aber „notwendigst“ Mitarbeiter, sagte Geschäftsführer Mario Thaler. Die personelle Situation sei derzeit „sehr, sehr angespannt“.