Brasilien WM - Überwiegt Fußballbegeisterung die sozialen Proteste ?

Wien (APA) - Je näher das WM-Eröffnungsspiel am 12. Juni rückt, desto mehr drängt sich die Frage auf, ob die sozialen Proteste der Begeister...

Wien (APA) - Je näher das WM-Eröffnungsspiel am 12. Juni rückt, desto mehr drängt sich die Frage auf, ob die sozialen Proteste der Begeisterung der Brasilianer für den Fußballsport Abbruch tun können. Der Schriftsteller und Fußballfan Robert Menasse glaubt nicht daran. Denn Fußball besitze eine ungebrochene Faszinationskraft. Doch sieht er die Proteste gegen die Regierungspolitik als begründet.

„Meiner Meinung nach macht Dilma Rousseff (brasilianische Staatspräsidentin) eine verfehlte Politik, da sie das Land an die ausländischen Konzerne verkauft“, meinte Menasse gegenüber der APA am Rande einer Buchpräsentation des Literaturwissenschaftlers und Buchautors Klaus Zeyringer in der brasilianischen Botschaft Diensttagabend. Dies sei umso enttäuschender, da die Präsidentin im Untergrund in den sechziger Jahren gegen ein faschistisches Regime gekämpft habe.

Buchautor Zeyringer präsentierte ein umfassendes Werk über die Geschichte des Fußballs, das von Menasse als „den Weltgeist in Gestalt des Fußballs“ beschrieben wurde. Darin kritisiert der Autor unter anderem die Rolle der FIFA, die den Austragungsländern ihre Bedingungen aufzwinge. Im Bezug auf die jetzige Lage in Brasilien, sagte er gegenüber der APA: „Es wird sich insofern etwas ändern, als zum ersten Mal intensiv die Weltmedien aufmerksam werden müssen, wie problematisch ein Sportverband wie die FIFA agiert“.

Es würden, so Zeyringer, wesentliche nationale Hoheitsrechte an die FIFA abgegeben, wie solche der arbeitsrechtlichen Standards für die FIFA-Beschäftigten, des Steuerrechts und der Einreisevisa-Bestimmungen. Brasilien habe sich sogar bemüht, mehr als die von der FIFA verlangten Bedingungen zu erfüllen. So habe das Land zwölf große Fußballstadien bauen lassen, wobei der Verband acht als Bedingung gestellt habe.

Menasse und Zeyringer waren sich während der Buchbesprechung einig, dass diese Problematik stärker diskutiert werden sollte. Doch Zeyringer zufolge gibt es starke Bemühungen, diese Missstände nicht ans Tageslicht kommen zu lassen: „Es gibt in europäischen Fernsehanstalten den praktischen ‚Befehl‘ der Obrigkeit, nichts Negatives über die FIFA zu berichten“, sagte der Autor der APA. Unter anderem aufgrund von erhöhter polizeilicher und militärischer Präsenz werde nicht erwartet, dass die jetzigen Proteste in Brasilien das Ausmaß der Massenproteste vom letzten Jahr bei der Confederations-Cup erreichen werden.

Und wenn Brasilien die WM gewinnen sollte, dann seien die soziale Proteste vergessen, meinte Zyringer. „Was nicht vergessen wird, sind die Katastrophen, wie ‚Maracana 1950“, sagte der Literaturwissenschaftler und Fußballkenner. Damals verlor Brasilien entgegen allen Erwartungen das Endspiel gegen das kleine Land Uruguay während der ersten WM im eigenen Land.