Ist die Gandhi-Dynastie zu Ende?

Neu-Delhi (APA/dpa) - Die wohl größten Verlierer der Wahl in Indien sind die Gandhis. Sonia (67) und Rahul Gandhi (43), Mutter und Sohn, wir...

Neu-Delhi (APA/dpa) - Die wohl größten Verlierer der Wahl in Indien sind die Gandhis. Sonia (67) und Rahul Gandhi (43), Mutter und Sohn, wirkten im Wahlkampf oft steif und entrückt, lustlos und volksfern. Dennoch setzte die Kongresspartei - wie fast immer in den vergangenen Jahrzehnten - auf die berühmteste Familie Indiens.

Und musste eine krachende Niederlage einstecken. Nur noch 44 der 543 Abgeordneten stellt die große, alte Partei nun, so wenige wie nie zuvor. Die Wähler machten sie verantwortlich für den wirtschaftlichen und politischen Stillstand, Armut und Arbeitslosigkeit.

Wenige Tage nach der Schmach übten sich die Gandhis in Selbstkasteiung. „Ich habe die Kampagne geführt, es ist meine Verantwortung... Ich sollte mit gutem Beispiel vorangehen und der erste sein, der ausscheidet“, sagte Rahul laut indischen Medien. Auch Sonia wollte abtreten, viermal soll sie es angeboten haben. Doch die Parteiführung wehrte sich mit Händen und Füßen. „Wie können Sie gehen? Das steht nicht zur Debatte. Wir müssen unsere Rolle spielen“, soll der scheidende Premierminister Manmohan Singh gesagt haben.

Für viele Inder ist die Kongresspartei ohne die Nehru-Gandhi-Familie tatsächlich nicht vorstellbar. Kein Wunder: Generation um Generation führte die Dynastie die Partei an, die meiste Zeit seit der Unabhängigkeit Indiens 1947. Zuerst war es Jawaharlal Nehru, der erste Premierminister des Subkontinents, dann seine Tochter Indira Gandhi. Nach ihrer Ermordung übernahm ihr Sohn Rajiv Gandhi, und nach dessen Ermordung seine Frau Sonia Gandhi.

Führende Kongresspartei-Politiker sagten öffentlich, die Partei werde nur noch weiter geschwächt, wenn die Gandhis abträten. Hinter verschlossenen Türen äußerten sie sogar die Befürchtung, die Partei werde dann zerfallen. „Die Dynastie ist die Lebensgrundlage der Kongresspartei, ihr Rückgrat. Ohne sie kann sie nicht überleben“, sagt auch Vinod Mehta, Ex-Chefredakteur des Magazins „Outlook“.

Doch dadurch, dass die Familie wie zementiert an der Spitze steht, verhinderte sie den Aufstieg einer neuen Führungsriege, die frische Ideen und Lösungen hätte anbieten können. Der Wahlsieger Narendra Modi von der BJP bot diese Alternative, nach der sich die überaus junge, aufstrebende indische Gesellschaft so sehnt. Er versprach, neue Investoren anzulocken und damit Jobs zu schaffen, der Korruption ein Ende zu bereiten und die verkrusteten Strukturen mit der überbordenden Bürokratie aufzubrechen.

Unglaubwürdig klang in den Ohren vieler Inder hingegen, dass gerade der Kronprinz Rahul Gandhi - der nie einen Hehl daraus machte, nur wegen seiner Abstammung in dieser Position zu sein - im Wahlkampf eine Demokratisierung forderte. „Ich glaube daran, das System zu öffnen“, sagte er immer wieder. Gelungen scheint ihm das nicht zu sein. „Rahul wollte keine wirkliche Verantwortung übernehmen. Er hat sich treiben lassen“, sagt Rasheed Kidwai, ein Biograf der Gandhi-Familie. Ein episches Dilemma, meint Kidwai: Gehen die Gandhis, weiß die Partei nicht weiter, bleiben sie, liegt sie weiter auf dem Totenbett.

Einen letzten Funken Hoffnung sehen einige Parteimitglieder in Priyanka Gandhi, Rahuls jüngerer Schwester. Die 42-Jährige war in der letzten Phase des Wahlkampfes ihrem Bruder zu Hilfe gekommen. Während er nervös und unsicher auf den großen Bühnen stand, ging sie auf die Menschen zu, umarmte sie, lächelte und hörte zu. In der Stadt Allahabad hängten Fans nun ein riesiges Plakat mit Priyankas Fotos auf. Darauf steht: „Trete hervor, Priyanka, und übernimm das Ruder.“