Sesselrücken in DAX-Konzernen - wenn Manager Abschied nehmen

Walldorf/München (APA/dpa) - Der Durchlauf an Spitzenkräften beim deutschen Software-Konzern SAP in den vergangenen Jahren war hoch: Allein ...

Walldorf/München (APA/dpa) - Der Durchlauf an Spitzenkräften beim deutschen Software-Konzern SAP in den vergangenen Jahren war hoch: Allein 2013 kündigten fünf Vorstände ihren Rückzug an. Eine solche Runderneuerung muss nicht immer schlecht sein, wie andere Beispiele belegen.

Kontinuität sieht anders aus. Wenn SAP-Co-Chef Jim Hagemann Snabe an diesem Mittwoch auf der Hauptversammlung in den Aufsichtsrat wechselt, verlässt der vierte Vorstand binnen eines Jahres den Softwarekonzern. Und der fünfte lässt nicht lange auf sich warten: Finanzvorstand Werner Brandt geht im Juli in Rente.

SAP ist nicht der einzige DAX-Konzern, bei dem derzeit ein Wechsel ansteht. Linde-Patriarch Wolfgang Reitzle übergab an diesem Dienstag das Zepter an Wolfgang Büchele. Siemens-Chef Joe Kaeser - selbst erst einige Monate im Amt - übertrug erst kürzlich die wichtige Energiesparte der Shell-Managerin Lisa Davies.

Umbruch in den Chefetagen deutscher DAX-Konzerne? Tatsächlich bleiben deutsche Manager ihren Unternehmen so treu wie kaum anderswo auf der Welt. Das ergab eine jüngst veröffentlichte Studie der Beratung Strategie&. „Man muss sich davon verabschieden, dass ein Wechsel immer gleich negativ ist“, sagt Gerhard Schewe, BWL-Professor an der Uni Münster. „Das ist auch eine Chance.“

Der 2012 geholte Beiersdorf-Chef Stefan Heidenreich brachte den Nivea-Hersteller auf Trab. Bei Siemens sei Peter Löscher nach den Compliance-Skandalen geholt worden, sagt Schewe. „Jetzt warten andere Aufgaben. Dafür braucht es offensichtlich andere Köpfe.“

„Wenn Wechsel an der Spitze des Unternehmens zum Dauerzustand werden, besteht das Risiko, dass die Mitarbeiter sich nicht mehr an den immer neuen Vorständen orientieren“, sagt Maren Hauptmann, Expertin für Personalmanagement bei der Strategieberatung Roland Berger. „Damit schwindet unter Umständen der Einfluss des Vorstands.“

Im Schnitt bleiben Vorstände Andreas Engelen zufolge vier bis acht Jahre. „Funktionale Mitglieder wechseln häufiger als Vorstandschefs“, hat der Professor für Unternehmensführung an der TU Dortmund herausgefunden. Marketingchefs werden besonders häufig ausgetauscht.

Auch die Branche spielt eine Rolle. Dienstleister, so Engelen, passen sich besonders an ihr Umfeld an und tauschen entsprechend häufig auch ihr Management aus. Besonders hoch sei die Fluktuation Studien zufolge bei Versorgern, Energie- und Telekomunternehmen, sagt Roland-Berger-Partnerin Hauptmann. „Das sind Branchen, die unter einem extrem hohen Veränderungsdruck stehen.“

Wissenschaftliche Erkenntnisse über schnelle Wechsel gibt es kaum, sagt Engelen. „Man weiß nur, dass Wechsel, die gut vorbereitet sind, besser funktionieren, insbesondere wenn sich Vorgänger und Nachfolger gut verstehen und die Übergabe entsprechend vernünftig und zielgerichtet im Sinne des Unternehmens abläuft.“ Dabei passieren der Studie von Strategy& zufolge nur 19 Prozent der Managementwechsel im deutschsprachigen Raum plötzlich und komplett ungeplant.

Bei SAP hatte man genug Zeit, den Wechsel vorzubereiten. Zwar überraschte Jim Hagemann Snabe im vergangenen Sommer mit seiner Ankündigung, sich zurückzuziehen. Seitdem sind aber Monate vergangen. Sein Co-Chef Bill McDermott, der zuvor vier Jahre mit ihm zusammengearbeitet hatte, übernimmt das Ruder. Und Snabe soll der Firma auch noch als Aufsichtsrat erhalten bleiben.

Trotzdem wird der Wechsel für Unruhe sorgen. Bei SAP kündigt sich bereits ein groß angelegter Umbau an. Bereiche werden zusammengelegt, drei Prozent der weltweit 67.000 Mitarbeiter umgeschichtet. Schon im vergangenen Herbst hatte sich in einer Mitarbeiterbefragung ein Vertrauensverlust ins Management abgezeichnet. Geschichten über Querelen in der Vorstandsetage machten die Runde. „Worst case ist, dass Mitarbeiter solche News aus der Zeitung erfahren“, sagt Engelen. Es sei nicht nur wichtig, dass der „Neue“ schnell gefunden werde, sondern auch mit den Mitarbeitern ins Gespräch komme, sagt Hauptmann.

Reibungen können trotzdem auftreten - und auch gewollt sein. „Die Folgen eines Umbaus sind typischerweise ein strategischer Wandel“, sagt Engelen. Es gebe Studien, die zeigten, dass ein Strategieschwenk nur möglich sei, wenn mehr als ein Vorstandsmitglied ausgetauscht wird. Wie das gelingen kann, zeige das Beispiel Thyssenkrupp. Unter dem neuen Vorstandschef Heinrich Hiesinger wurde der komplette Vorstand erneuert. Vor kurzem schrieb der Stahlkonzern den ersten Quartalsgewinn seit rund zwei Jahren.

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