Schlafen im Altglascontainer beim Festival „Theater der Welt“

Mannheim (APA/dpa) - Die Hotelzimmerwände sind mit Goldpapier ausgekleidet. Nur kreisrunde Öffnungen geben einen Hinweis darauf, welche Funk...

Mannheim (APA/dpa) - Die Hotelzimmerwände sind mit Goldpapier ausgekleidet. Nur kreisrunde Öffnungen geben einen Hinweis darauf, welche Funktion dieser Raum vorher einmal hatte: Hier wurden Flaschen hineingeworfen, es ist das Innere mehrerer zusammenmontierter Glascontainer. Ab Freitag werden die früheren Müllbehälter zum Schlafplatz für Besucher des Festivals „Theater der Welt“, das 17 Tage in Mannheim zu Gast ist.

Das Projekt „Hotel shabbyshabby“ reiht sich ein in den Trend zur Umnutzung des urbanen Raums, der Künstler aus aller Welt erfasst hat. Es spielt mit der Ästhetik des Recyclings.

Für das Festival wurden weltweit Architekten und Künstler aufgerufen, für Mannheim das Hotelzimmer ihrer Träume zu entwerfen. 22 der rund 180 eingereichten Entwürfe entstehen nun überall in der Stadt in Baden-Württemberg: Am Neckar, in einem Park oder direkt neben dem Schillerdenkmal. Eine Gruppe lässt die Festivalbesucher unter einer Kuppel aus Regenschirmen schlafen.

Die Bauteams werkeln in einem Camp neben dem Nationaltheater Mannheim. Es wird gehämmert und gesägt, gestrichen und geklebt. Auch der „Schlafdom“ aus alten Glascontainern entsteht hier, am Ende wird er zum Mannheimer Marktplatz transportiert. „Es ist schon eine Hemmschwelle, dort hineinzugehen“, sagt der 39-jährige Berliner Architekt Andreas Heim. „Aber wenn man die überwunden hat, ist es echt ein Erlebnis.“

Außen shabby, also heruntergekommen, innen eine Überraschung: Dieses Konzept zieht sich durch die verschiedenen Hotelzimmer. Dem Berliner Festival-Kurator Matthias Lilienthal gefällt an dem Projekt vor allem, dass es einen völlig anderen Blick auf die Stadt zulässt - ja geradezu erzwingt. Der künftige Intendant der Münchner Kammerspiele hat in seinem Leben selbst unzählige Nächte in Hotels verbracht. „Wovon man dann irgendwann die Schnauze voll hat, sind die Ketten - wenn man beim Aufwachen nicht weiß, ob man in Buenos Aires, in Köln oder in Riga ist, weil alle Zimmer gleich aussehen.“ „Hotel shabbyshabby“ ist ein Gegenentwurf dazu.

„Es ist eine komplett andere Art, die Stadt wahrzunehmen“, sagt auch Projektleiter Benjamin Foerster-Baldenius vom Architektenkollektiv raumlaborberlin. Die Nacht im skurrilen Zimmer vergleicht er mit dem Erlebnis eines Theaterstücks. Sie kostet 25 Euro pro Raum. Dafür erlebt der Käufer eine Übernachtung - mit oder ohne Begleitung - in exotischer Umgebung. „Es ist eine intensive Erfahrung, künstlerisch produziert, die im Gedächtnis bleibt und auch irgendwann wieder hochkommt.“

Nachdenken über neue Formen der Architektur und die Umnutzung von Flächen ist weltweit für Städte und Künstler ein Thema. „Hotel shabbyshabby“ erinnert an Flashmobs oder Urban-Action-Gruppen, die einer Stadt für eine bestimmte Zeit ein neues Gesicht geben. „Die Veränderungen sind temporär, aber wir wollen ein Nachdenken über langfristige Veränderungen bewirken“, sagt Foerster-Baldenius.

In der Innenstadt entsteht ein Zimmer direkt neben einer Statue von Friedrich Schiller. „Die Idee ist, eine private Erfahrung mit Schiller zu haben“, erläutert Künstler Christopher Rodriguez. Von außen sieht die Konstruktion aus wie eine Baustelle, von dem Denkmal ist nichts mehr zu sehen. Ein anderes Bauteam lässt ein Hotelzimmer an einem Flaschenzug von einem Baum hängen, mitten im Mannheimer Luisenpark. Alles hier ist in Bewegung, herumspringen nicht zu empfehlen - selbst in einem Hotelzimmer der Träume gibt es Grenzen.

Das renommierte Festival „Theater der Welt“ eröffnet am Freitag (23. Mai) mit einer Rede von Jacob Appelbaum, Internet-Aktivist und Vertrauter des NSA-Enthüllers Edward Snowden. Im Anschluss wird das Stück „Die Schutzbefohlenen“ nach dem Text von Elfriede Jelinek uraufgeführt.

(S E R V I C E - www.theaterderwelt.de)