Ukraine-Krise: Das Scheitern von „Noworossija“ am Asowschen Meer

Kiew (APA) - Mittlerweile sehe man die Angelegenheit eher mit Humor, sagt der Sprecher der Stadtverwaltung Pawlo (Pawel) Ischtschuk. Doch al...

Kiew (APA) - Mittlerweile sehe man die Angelegenheit eher mit Humor, sagt der Sprecher der Stadtverwaltung Pawlo (Pawel) Ischtschuk. Doch als vor wenigen Wochen die Information kursierte, dass Viktor Janukowitsch ausgerechnet am Ostersonntag und ausgerechnet über Berdjansk in die Ukraine zurückkehren wolle, herrschte in der beschaulichen Küstenstadt am Asowschen Meer helle Aufregung.

Nicht nur, dass Polizei und Geheimdienst aufmarschierten. 70 Soldaten der ukrainischen Grenztruppen, die auf der touristisch reizvollen Lagune vor Berdjansk in Stellung gingen, wurden von der pro-ukrainischen Bürgerwehr der Stadt fälschlicherweise gleich als separatistisches Terrorkommando identifiziert. Und um auf Nummer sicher zu gehen wurde die Landebahn des zuletzt nicht verwendeten Lokalflughafens blockiert.

Janukowitschs politische Auferstehung blieb aus - Betonpflöcke befinden sich jedoch noch immer auf der Landebahn. Die Stadtverwaltung hat eine Hotline eingerichtet, bei der verdächtige Personen gemeldet werden können, und auf den Straßen patrouillieren sporadisch ukrainische Sicherheitskräfte mit Maschinengewehren. Zudem ist im städtischen Polizeihauptquartier der Eingangsbereich mit Sandsäcke verbarrikadiert - Polizisten könnten im Falle des Falles das Feuer aus dieser Deckung erwidern. „Die Sandsäcke waren eine Reaktion auf die Besetzungen von Polizeistationen, die es im April in den Regionen Donezk und Luhansk (Lugansk) gab“, sagt Ischtschuk. Doch in Berdjansk selbst, so betont er, habe es keine Auseinandersetzungen gegeben.

Aufgrund seiner Lage verdient Berdjansk in diesen Wochen besondere Aufmerksamkeit: Die 120.000-Einwohner-Stadt am Asowschen Meer befindet sich im äußersten Südosten der Region Saporischschja (Saporoschje) und somit an der Grenze zur krisengeschüttelten Region Donezk. Mariupol am Asowschen Meer, wo es am 9. Mai zahlreiche Tote gegeben hatte, liegt knapp 90 Kilometer im Osten. Wenn sich die gegenwärtige Krise im Südosten der Ukraine ausweiten würde, wäre Berdjansk somit mit hoher Wahrscheinlichkeit eine der ersten betroffenen Städte außerhalb der Region Donezk.

Doch dafür gibt es derzeit keinerlei Anzeichen. Eher im Gegenteil: Gerade auch das Beispiel Berdjansk zeigt, dass das „Noworossija“-Konzept politisch gescheitert ist. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte diesen historische Begriff kürzlich verwendet und betont, dass der heutige Süden und Osten der Ukraine erst in den 1920ern der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik zugeschlagen worden sei. Separatistisch gesinnte Kreise hatte anschließend von einem „Noworossija“-Staat zu träumen begonnen, der bei Bedarf auch in die Russische Föderation eingegliedert werden könnte. Die ukrainische Küste des Asowschen Meers wäre da ein integraler Bestandteil.

Nur will in der russischsprachigen Stadt Berdjansk, so zeigen zahlreiche Gespräche, praktisch niemand dieses Konstrukt. Die politische Eliten, die nach wie von der „Partei der Regionen“ und ihren Vertretern dominiert wird, und die Bevölkerung scheinen diesbezüglich sich sehr einig zu sein. Im öffentlichen Raum sind keine Spuren separatistischer Gruppierungen zu finden und Unternehmen werben im Stadtzentrum mit Slogans wie „Dein Staat, deine Stadt, dein Fitness-Center“ gleichzeitig auch für die Einheit der Ukraine.

Vereinzelte Stimmen, die derzeit den ukrainischen Staat ablehnen, sind in einer deutlichen Minderheit: Nachdem ein Pensionist der APA lang und breit über angebliche Verbrechen der neuen Regierung in Kiew erzählt hatte, ersuchte eine junge Frau, die das Gespräch mitgehört hatte, dies alles nicht ernst zu nehmen. Gleichzeitig mit dem von einer deutlichen Mehrheit vertretenen Bekenntnis zur Ukraine, so meint Pawlo Ischtschuk, gehe aber auch der Wunsch einher, eine freundschaftliche Beziehung zu Russland anzustreben. Dies nicht zuletzt, weil russische Gäste im Ort eine wichtige ökonomische Rolle spielen.

Nachdem die Industrie vor Ort mit dem Ende Sowjetunion massiv an Bedeutung verloren hatte, entwickelte sich der Sommertourismus zu einer zunehmend wichtigen Einnahmequelle der Stadt. Der Angst um die beginnende Sommersaison - so erklärt ein Buchhändler - sei derzeit die Hauptsorge der Bevölkerung, die sich insbesondere politische Ruhe und Stabilität wünsche. „Aufgrund der Nachbarschaft zur Region Donezk gibt es derzeit weniger Touristen als vor einem Jahr“, bestätigt Stadtverwaltungssprecher Ischtschuk.

Völlig normal, so betont er, verliefen hingegen die Vorbereitungen für die ukrainische Präsidentenwahl am Sonntag. In den Wahlkommissionen würden bereits wichtige Fragen geklärt, sagt Ischtschuk: „Etwa wer sich bei einem Stromausfall auf die Wahlurnen wirft, um einen möglichen illegalen Einwurf gefälschter Wahlzettel zu verhindern.“ Diese Vorsichtsmaßnahmen hätten aber weniger mit aktuelle Ereignissen zu tun, lächelt er: „Das war schon immer ein wichtiges Thema.“