Ukraine - Beobachter: Protestcamp will Maidan nicht verlassen

Kiew (APA) - Keine Revolution ohne Beigeschmack: Neben der russischen Reaktion, der Annexion der Krim, abtrünnigen Ostregionen und Rückgang ...

Kiew (APA) - Keine Revolution ohne Beigeschmack: Neben der russischen Reaktion, der Annexion der Krim, abtrünnigen Ostregionen und Rückgang der Wirtschaftskraft, hat die ukrainische Maidan-Revolution vor allem ein Problem, und das mitten in Kiew: Hunderte selbsternannte Verteidigungskräfte campieren seit Monaten am Unabhängigkeitsplatz Maidan. Und sie wollen den Maidan laut Beobachtern nicht mehr verlassen.

„Sie werden den Maidan nie verlassen, ihnen gefällt das (Leben im anarchischen Partisanenlager, Anm.). Der Maidan selbst braucht Sicherheitskräfte. Unter den jetzigen Campierenden sind Diebe, Prostituierte, sie sollten nicht da sein“, sagt der frühere Zeitungsjournalist und Lehrer Leonid Kayda im Gespräch mit der APA. „Sie nutzen das Fehlen einer Macht und beanspruchen für sich spezielle Rechte.“ Seit dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch im Februar wird die Ukraine von einem Übergangspräsidenten und -behörden verwaltet. Für Sonntag sind Präsidentschaftswahlen und Bürgermeisterwahlen in Kiew angesetzt.

„Es gibt Berichte, dass diese Leute (am Maidan Lagernde, Anm.) andere bedrohen. Wenn jemand ein Problem hat, wende er sich an sie und sie erledigen das. Laut Berichten werden sie etwa engagiert, um Botschaften an Richter (etwa für einen bestimmten Verfahrensausgang, Anm.) zu überbringen. Sie sind verrückt, sie haben vor nichts Angst. Das ist eine furchtbare Tendenz“, meint der Jurist Vadym Galaytschuk gegenüber der APA. „Sie sind sehr schwer zu kontrollieren, das macht mir persönlich Angst. Das war nicht das Ziel von Maidan.“

Schon nach der Orangenen Revolution von 2004 habe es neun Monate gedauert, Menschen, die den Maidan besetzt hatten, zu ihrem Abzug zu bewegen. „Wir haben ihnen Fahrtickets für ihre Heimatorte gekauft, aber sie sind immer wieder zurückgekommen“, erinnert sich Galaytschuk. „Man muss das Problem sozial lösen, ihnen Anstellungen verschaffen. Es wird eine der ersten Aufgaben für den neuen Präsidenten und Bürgermeister sein, mit ihnen über ihren Abzug zu verhandeln. Wir sind sehr zurückhaltend, die Menschen physisch zu entfernen. Als wir sie gebracht haben, haben wir sie im ganzen Land aufgefordert auf den Maidan zu kommen, jetzt stoßen wir sie weg?“

Der in Umfrage führende Bürgermeisterkandidat für Kiew und Ex-Boxchampion Vitali Klitscho hat die Bewohner des Partisanenlagers aufgefordert, ihre Zelte abzubrechen. Der Maidan habe seine Mission erfüllt, die Polizei könne für öffentliche Ordnung sorgen. Jedoch waren die Barrikaden noch Anfang des Monats verstärkt worden, nachdem Übergangspräsident Alexander Turtschinow vor dem Feiertag zum Gedenken an den Sieg im Zweiten Weltkrieg über Nazi-Deutschland vor russischen Provokationen gewarnt hatte.

„Wenn sie (Maidan-Lagernde, Anm.) hier patrouillieren, sind sie nicht sehr tolerant. Nur wenige waren von Anfang an da, die jetzt hier sind, verhalten sich sehr ungehalten. Manche machen ihre Geschäfte, manche arrangieren Probleme (Anspielung auf Erpressungen und kriminelle Machenschaften, Anm.)“, zeigt sich auch der frühere Journalist Kayda besorgt.

„Ohne beleidigend sein zu wollen, das schaut aus wie eine Versammlung von Leuten, die nichts zu tun haben. Noch immer sind viele von der Post-Sowjet-Wende traumatisiert“, meint Jurist Galaytschuk. „Vor einem Monat wurde bei einem Zwischenfall auch ein Mann von den Behörden getötet. Die Regierung muss sich wieder Kontrolle über den Maidan verschaffen. Die Protestierenden der Maidan-Revolution wollten ein besseres Leben und nicht das (anarchische Partisanenbewegung, Anm.).“ Zudem könnten diese Menschen für Propaganda oder zu anderen Zwecken politischer Widersacher von Kiew missbraucht werden.

Seit Monaten campieren Dutzende selbsternannte Sicherheitskräfte in Uniformen in einer Art Partisanenlager am Maidan. Sie kochen, waschen und sitzen als „Wachen“ vor ihren Zelten, vereinzelt finden sich auch Frauen darunter. Viele tragen das ukrainische Wappen oder das Zeichen der ukrainischen Aufstandsarmee UPA. Das Maidan Pressezentrum in einem alten Sowjet-Gebäude am Platz, fungiert als Art „Revolutionshauptquartier“ für Diskussionen und Pläne.

Die zahlreichen EU-Symbole nach der Revolution sind weniger geworden, dafür finden sich jetzt mehr Kosaken-Bilder. Ein Beobachter spricht gegenüber der APA vom „gewandelten Geist“ der Bewegung. Viele Kiewer hinterfragen bereits die Präsenz dieser nicht-staatlichen Uniformierten.