Kunst

Ein radikal anderer Blick

Eines von Elfie Semotans Bildern aus der 1990 in Ungarn entstandenen Serie „Puszta“.
© Semotan

Die Fotografin Elfie Semotan im FO.KU.S: mit kunstvoll inszenierten Stillleben, die raffiniert verschlüsselte Geschichten erzählen. Mit Licht und Schatten, in Farbe und Schwarzweiß.

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Mit den Fotokampagnen für Palmers und Römerquelle, mit denen Elfie Semotan in den 70er-Jahren die Regeln der Hochglanzfotografie gründlich aufgemischt hat, wurde die gelernte Modedesignerin schlagartig bekannt. Nachdem sie nach Jahren auf den Laufstegen großer Couturiers die Seiten gewechselt hatte. Was vielleicht der Grund ist, dass sich ihr Blick durch die Kamera von dem ihrer meist männlichen Kollegen so grundlegend unterscheidet.

In der Taxisgalerie hatte die inzwischen 73-jährige Fotografin Ende der 70er-Jahre eine kleine Ausstellung, im BTV-FO.KU.S nun eine große. In die – erstmals – sogar die zentrale Halle des Bankgebäudes einbezogen ist. An eine ihrer Wände hat Semotan 100 Varianten des gleichen Blicks aus einem Fenster ihrer New Yorker Wohnung gepinnt. An sich unspektakuläre Bilder, aufgenommen zu diversen Tageszeiten, im Sommer und Winter, bei Regen und Schnee, voll mit Menschen oder ausgestorben. In der Aneinanderreihung verfilzt das Detail allerdings zum fast abstrakten Muster, zur Metapher für Stimmungen, mentale Befindlichkeiten.

Letztlich seien alle ihre Fotografien Stillleben, sagt Elfie Semotan. Die bildhaft raffiniert verschlüsselte Geschichten erzählen, auch wenn sie Landschaften oder Menschen fotografiert. Um gerade in der Werbe- oder Modefotografie durch ihren sehr speziellen, radikal anderen Blick gängige Muster aufzubrechen. Wenn sie etwa ein Model eine Sprossenwand hinaufkraxeln lässt, Frauen in scheinbar typisch männlichen Posen ablichtet, ein männliches Model sich als androgynes Wesen dekorativ am Boden räkeln lässt.

Ihre persönliche Nähe zu Künstlern – Semotan war mit Kurt Kocherscheidt und Martin Kippenberger verheiratet – hat auch auf ihre Fotografie abgefärbt. Das Produkt sind nicht nur Porträts ganz anderer, das Wesentliche durch oft schräge Versatzstücke ausdrückende Art, sondern auch Rückgriffe auf Sujets aus der Kunstgeschichte. Indem sie Modeaufnahmen ganz in der Manier der Präraffaeliten inszeniert oder – für die Präsentation hochkarätiger Schmuckstücke – Motive von Roy Lichtenstein aufgreift und radikal umdeutet. Da ist etwa eine einen Putzschwamm haltende Hand kostbar beringt, zwei mit exklusiven Kolliers geschmückte Hälse gehören zu einem weiblichen Profil vor und nach einer Nasenkorrektur.

Ein Modeshooting 1990 in der Puszta sei aus den Fugen geraten, sagt Semotan. Zum Glück für die Ausstellungsbesucher, sind dabei doch nicht nur wunderbar herbe – schwarzweiße – Modeaufnahmen entstanden, sondern das vielschichtige Porträt eines „Hintergrunds, der eigentlich keiner ist“. Als begnadete Spielerin mit Licht und Schatten erweist sich Semotan in ihren farbig delikat differenzierten Wald-Bildern. Die raffiniert uneindeutige, fast wie Vexierbilder daherkommende, Projektionsflächen für die Frage nach dem Wirklichen sind.

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