Autor und Spurensucher, Chronist und Moralist: Erich Hackl wird 60

Wien/Steyr (APA) - Obwohl er einer der bekanntesten österreichischen Schriftsteller seiner Generation ist, ist er auch einer der stillsten. ...

Wien/Steyr (APA) - Obwohl er einer der bekanntesten österreichischen Schriftsteller seiner Generation ist, ist er auch einer der stillsten. Erich Hackl, der 1987 mit „Auroras Anlass“ ein fulminantes Debüt gab, verfolgt leise, doch beharrlich einen Weg, der mit den Mitteln der Literatur Menschen dem Vergessen entreißt und ihre Schicksale als Mahnung herausarbeitet. Am Montag (26. Mai) feiert er seinen 60. Geburtstag.

„Fast schäme ich mich zu sagen, dass es noch immer Empörung ist, die mich zum Schreiben drängt“, sagte Hackl 2004 bei der Entgegennahme des „Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln“ - eine von vielen Auszeichnungen, zu denen u.a. der „Bruno Kreisky-Preis für das politische Buch“ (1997), das Ehrendoktorat der Uni Salzburg (2010) oder der Große Kunstpreis des Landes Oberösterreich (2013) zählen.

Dass er nicht nur als Chronist, sondern auch als Moralist tätig ist, seine Erzählungen auch als Warnung gelesen werden können, was Menschen einander anzutun imstande sind, daraus hat Hackl nie ein Hehl gemacht. Der Hispanist überwindet dabei mühelos Zeiten und Räume, beschreibt politisch Unbeirrbare, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, im spanischen Bürgerkrieg gekämpft haben und in den Diktaturen Lateinamerikas gefoltert wurden. Manche von ihnen haben alles nacheinander erlitten.

Hackls große Buch-Erfolge - nach „Auroras Anlass“ etwa „Abschied von Sidonie“ (1989), „Sara und Simon“ (1995), „Die Hochzeit von Auschwitz“ (2002) oder „Als ob ein Engel“ (2007) - haben alle ihren Ausgangspunkt im realen Leben genommen. Erfundenes gibt es bei ihm nicht. „Ich kann nicht anders“, sagte er einmal im Interview mit der APA. Er habe auch keine heimliche Sehnsucht, einmal reine Fiktion zu schreiben. „Ich sehe bei mir kein Bedürfnis dazu. Reine Erfindung gibt es eh‘ kaum. Und ich brauche auch keine literarische Krücke, kein Alter Ego. Das interessiert mich nicht.“

Was Hackl dagegen interessiert, sind Lebensgeschichten, die für ihn wesentliche Erfahrungen beinhalten, ins Heute hineinreichen, und über die heute Lebende Auskunft geben können. „Erich Hackl verbindet auf unvergleichliche Art die Recherchequalität eines Historikers mit der sprachlichen Klarheit eines Dichters“, begründete 2006 die Jury die Zuerkennung des Donauland Sachbuchpreises. „Erich Hackl gibt jenen eine Stimme, die durch Unrecht, Diktatur oder menschliches Unvermögen an den Rand gedrängt sind und bewahrt sie mit seiner Literatur vor dem Vergessen“, hieß es zur Verleihung des Toleranzpreises.

Während er fremde Biografien akribisch recherchiert und zu Literatur macht, gibt es zu seiner eigenen nur wenige Eckdaten: Erich Hackl wurde am 26. Mai 1954 in Steyr (OÖ) geboren und war nach dem Studium der Germanistik und Hispanistik in Salzburg, Salamanca und Malaga als Lehrer und Lehrbeauftragter an Universitäten in Madrid und Wien tätig. Er arbeitet heute als Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber und lebt in Wien und Madrid. Sein Werk ist in 25 Sprachen übersetzt. Dem Literaturbetrieb hält er sich fern. „Wenn man so arbeitet wie ich, ist das klar. Ich kann nicht gleichzeitig in meinem Denken links sein und den literarischen Betrieb gutheißen, der zu einer derartigen Verengung führt“, so Hackl im APA-Gespräch.

Im Vorjahr erschien mit „Dieses Buch gehört meiner Mutter“ ein Prosagedicht, in dem Hackl in verdichteter, reduzierter Sprache eine Bauerntochter von ihrem Aufwachsen im nördlichen Mühlviertel erzählen lässt. Das Dorf, aus dem seine Mutter stammte und von dem sie immer erzählte, wirke heute „öde und grau, verglichen mit den farbigen Bildern, die durch die Erzählungen meiner Mutter von den Menschen und ihren Verrichtungen in mir entstanden sind“, schrieb Hackl in seiner Nachbemerkung. „Ich bin nun, nach ihrem Tod, darangegangen, mich der früheren Welt zu versichern, sie mit ihrem Blick und in ihren Worten wahrzunehmen, und deshalb gehört dieses Buch meiner Mutter.“

Vor wenigen Tagen erschienen „Drei tränenlose Geschichten“. In nüchterner, unaufgeregter Sprache werden darin Lebensgeschichten nachgezeichnet, die an Tragik und Dramatik kaum zu überbieten sind. Nicht die Sprache bringt sie zum Leuchten, sondern die Schlichtheit der Beschreibung rückt sie erst ins rechte Licht. Der Autor tritt hinter seinen Stoff zurück. Hackl bleibt der von ihm eingeschlagenen Richtung treu.

(B I L D A V I S O - Porträts sind im AOM abrufbar.)