Arbeitsmarkt

Rechentrick lässt Tausende Arbeitslose verschwinden

Auch im Dezember weist Tirol im Vergleich zum Vorjahr mit minus 6,6 Prozent den stärksten Rückgang der Arbeitslosigkeit auf.
© thomas boehm

Die Langzeitarbeitslosigkeit ist um ein Vielfaches höher als offiziell ausgewiesen. Der Verein „Aktive Arbeitslose“ wirft Verschleierung vor.

Von Max Strozzi

Innsbruck –Langzeitarbeitslosigkeit und Langzeitbeschäftigungslosigkeit bedeuten in Österreich sinngemäß eigentlich das Gleiche: In beiden Fällen ist man mehr als ein Jahr lang ohne Job. Geht es aber um die Frage, wie viele Menschen in Österreich tatsächlich langzeitarbeitslos sind, dann sind Langzeitarbeitslose und Langzeitbeschäftigungslose plötzlich zwei verschiedene Paar Schuhe.

Und mit diesem Unterschied lässt sich die Arbeitslosenstatistik schönen. Laut Sozialministerium waren im vergangenen Jahr im Schnitt „nur“ 6795 Personen länger als ein Jahr ohne Job – ein Anteil von nur 2,3 % an allen Arbeitslosen. Laut Zahlen aus der internen AMS-Statistik waren hingegen 57.462 mehr als ein Jahr lang ohne Arbeit, also mehr als acht Mal so viel. Damit war jeder 5. Arbeitslose (20 %) länger als ein Jahr ohne Job.

Der Kniff: Das Sozialministerium weist die wesentlich niedrigere Zahl Langzeitarbeitsloser aus, die AMS-Statistik zeigt hingegen die deutlich höhere Zahl der Langzeitbeschäftigungslosen. Der Unterschied ist enorm. Besucht ein Arbeitsloser beispielsweise eine AMS-Schulung, die länger als 28 Tage dauert (oder ist 28 Tage lang durchgehend krank), so scheint er danach nicht mehr als Langzeitarbeitsloser auf – denn nach der Schulung beginnt seine Periode der Langzeitarbeitslosigkeit wieder von vorne. In der Statistik der Langzeitbeschäftigungslosen hingegen scheint dieselbe Person weiterhin auf. Denn diesen Status verliert man erst, wenn man beispielsweise für länger als 62 Tage wieder einen Job hat.

„Der primäre Zweck liegt darin, die Statistik zu beschönigen, weil es einfach nicht mehr Jobs gibt und die Maßnahmen gegen Langzeitarbeitslosigkeit nicht wirken“, kritisiert Martin Mair, Obmann des Vereins Aktive Arbeitslose: „Die Zahl der Langzeitsarbeitslosen wird durch Kurse massiv nach unten gedrückt. Es gehören endlich ehrliche Statistiken auf den Tisch.“ Doch selbst das AMS weist in den monatlichen Arbeitslosenzahlen nicht die interne – höhere – Zahl der Langzeitbeschäftigungslosen aus, sondern die niedrigere Zahl der Langzeitarbeitslosen. In Tirol beispielsweise gab es Ende April laut offiziellen Angaben 1157 Langzeitarbeitslose, die länger als ein Jahr ohne Job waren. Laut internen AMS-Zahlen hingegen gab es Ende April in Tirol 2579 Langzeitbeschäftigungslose, die ebenfalls länger als ein Jahr ohne Job waren.

Eine Anfrage an das Sozialministerium blieb gestern noch unbeantwortet. Man verwies darauf, heute dazu Stellung zu nehmen. Laut Tirols AMS-Chef Anton Kern seien beide Statistiken sinnvoll. „Ich glaube, dass beide Indikatoren eine Berechtigung haben. Es werden damit unterschiedliche Karrieren abgebildet. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist international vergleichbar, es ist sozusagen der harte Kern“, sagt der AMS-Chef. In den Jahresstatistiken würde sehr wohl auch die Zahl der Langzeitbeschäftigungslosen ausgewiesen.

Mair hingegen kritisiert das System der Arbeitslosenschulungen. Viele würden sich aus Angst vor einer Bezugssperre beugen und wüssten über ihre Rechte nicht Bescheid. Mair fordert eine eigene Arbeitslosenanwaltschaft sowie eine Änderung des Schulungssystems. „Derzeit wird nicht darauf geschaut, was die Arbeitslosen brauchen, sondern es werden Kurse aufgesetzt und befüllt. Das ist Planwirtschaft wie in der Sowjetunion.“

Verwandte Themen