Bühne

Begegnung mit einer Verschwindenden

Erster Festwochen-Höhepunkt: Georg Friedrich Haas’ Oper „Bluthaus“, basierend auf einem Text des Tiroler Dramatikers Händl Klaus.

Von Bernadette Lietzow

Wien –Nicht der Zentralgestalt Nadja, einer jungen Studentin, die das Haus ihrer Eltern nach deren Tod verkaufen möchte, werden die ersten Töne zugestanden. Es sind diese toten Eltern, die im anfänglich auf einen engen Kubus verengten Bühnenraum des Theaters an der Wien zu einem stockenden unverständlichen Duett anheben. Sie werden ihr bedrängtes Kind bis zum Schluss in den Fangeisen aus väterlichem Missbrauch, bürgerlicher Fassade und Wegschauen behalten. Die Oper „Bluthaus“, 2011 im deutschen Schwetzingen unter großem Zuspruch von Kritik und Publikum erstmals präsentiert, erlebte am Mittwoch anlässlich der Wiener Festwochen nun in einer Neufassung ihre zweite Uraufführung.

Von Händl Klaus stammt das Libretto: Er erzählt, virtuos verdichtet, indem das unsägliche Gesagte in einer Art einzelner Wort-Bissen auf 14 Sprecher und vier Sänger verteilt wird, von der Unausweichlichkeit des Opferschicksals, von der Umkehrung der Opfer-Täter-Rolle und der nahezu gesetzmäßigen Fortschreibung von Missbrauch. Der vielfach ausgezeichnete österreichische Komponist Georg Friedrich Haas findet eine musikalische Entsprechung, die den Zuhörer mit ihrer hohen Emotionalität, punktgenauen Klangexplosionen und lyrischen Melodien nie aus der Konzentration auf das Geschehen entlässt. Und das ist gut so, vermittelt sich doch in diesem, von Peter Mussbach in Regie und Bühnenbild sehr klar gestalteten Abend jenes Grauen, das durch Schicksale wie das der Natascha Kampusch medial ausgeschlachtet in die Wohnzimmer Einzug gehalten hat.

Die Sopranistin Sarah Wegener verleiht der Tochter Nadja beeindruckend Stimme wie Gestalt, meistert die oft genug schwierigen Gesangspassagen mit scheinbarer Leichtigkeit und kann darstellerisch in der Ambivalenz von innerer Abhängigkeit und Eigensinn überzeugen. Ihr zur Seite steht der ausgezeichnete Countertenor Daniel Gloger in der Rolle des naiv-tüchtigen Maklers Axel Freund, der sein Mandat zurücklegt und Nadja zurücklässt, als er von den Nachbarn über das „Bluthaus“ aufgeklärt wird: Hat doch die Mutter Natascha erst ihren Ehemann Werner und dann sich selbst erstochen. Ruth Weber, Sopran, und der Bariton Otto Katzameier brillieren in Darstellung und Gesang. Ungeheuer erschütternd ist die ebenso voyeuristische wie hilflose Ergebenheit der Mutter, grauenerregend die selbstgewisse Geilheit des Vaters. Vollendet wird der Abend von der Präzision des Klangforums Wien unter Peter Rundel. Das Ensemble begleitet und stützt zudem hervorragend, mittels vom Komponisten zugedachten Klängen, den hysterisch-aggressiven Sprechchor der Kaufinteressenten. Großer Jubel für einen ergreifenden Abend.

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