Weitermachen: „Drei tränenlose Geschichten“ von Erich Hackl

Wien (APA) - „Drei tränenlose Geschichten“ erzählt Erich Hackl in seinem neuesten Erzählband: jene der Familie Klagsbrunn, die von Floridsdo...

Wien (APA) - „Drei tränenlose Geschichten“ erzählt Erich Hackl in seinem neuesten Erzählband: jene der Familie Klagsbrunn, die von Floridsdorf bis nach Rio de Janeiro reicht, jene der Linzer Widerstandskämpferin Gisela Tschofenig und jene des Lagerfotografen von Auschwitz. Morgen und übermorgen liest Hackl in Klagenfurt und Gmunden aus dem Buch. Am Montag (26. Mai) feiert er seinen 60. Geburtstag.

„Mit toller Protektion und 8 h Anstellen haben wir die Karten bekommen und sind am nächsten Tag von Wien weg. Sehr tränenlos“, zitiert Hackl in „Familie Klagsbrunn“ aus einem Brief, in dem geschildert wird, wie die Schwestern Eva und Elisabeth es schafften, 1938 aus Wien zu entkommen. Am Ende des Buches wird er beschreiben, wie den Bemühungen einer Linzerin, ihre in den letzten Kriegstagen erschossene Wahltante mit einer Gedenktafel zu würdigen, endlich entsprochen wurde - mit der Benennung einer unscheinbaren Sackgasse am Stadtrand von Linz: „Den Blick heben, tränenlos lesen, was auf der Tafel unter dem Straßenschild steht. ‚Gisela Tschofenig (1917-1945), Gegnerin des NS-Regimes.‘“

Geschichten, die einem die Tränen in die Augen schießen lassen müssten, so zu berichten, dass sie in ihrer ganzen Tragik und Dramatik wirken, ohne durch die Erzählweise Emotionen zu schüren, ist seit langem Hackls Markenzeichen. Das schafft er auch bei seinen neuen Texten in beeindruckender Weise. Mehr noch als bisher bezieht er Originalquellen mit ein und integriert sie in seine akribische Aufarbeitung von Schicksalen, mit denen man wahrlich nicht tauschen möchte.

Denn ob es eine jüdische Floridsdorfer Familie oder Linzer Kommunisten sind: Die Menschen, von denen Erich Hackl erzählt, träumen nicht nur von einer besseren Welt, sondern arbeiten aktiv an ihrer Verbesserung, unter Einsatz ihres Lebens, und stoßen dabei überall auf härteste Widersacher - bei den Austrofaschisten, bei den Nationalsozialisten, im spanischen Bürgerkrieg, in lateinamerikanischen Diktaturen und mitunter auch in totalitären kommunistischen Regimen. Gefängnis und Lager, Folter und Tod, Trennung und Leid sind die wiederkehrenden Begleitumstände jener Lebensgeschichten, die Hackl dem Vergessen entreißt und für sie eigene Kapitel in den Geschichtsbüchern schreibt.

Von der „Hochzeit von Auschwitz“ hat Hackl in einem seiner früheren Bücher geschrieben. Nun reicht er (vor sieben Jahren erstmals im „Presse-Spectrum“ publiziert), die Geschichte des Häftlings und Lagerfotografen von Auschwitz, Wilhelm Brasse nach. Der Pole weigerte sich, in der deutschen Wehrmacht zu kämpfen, und machte in Auschwitz im Auftrag der Lagerverwaltung an die 50.000 Fotos. Er musste etwa die menschenverachtenden Experimente von Josef Mengele dokumentieren, Fotos der Neuzugänge für die Lager-Kartei oder Privatporträts für das SS-Wachpersonal machen.

Zwei Fotos jedoch ragen aus der Masse heraus: Jene Aufnahme, die er am 18. März 1944 von der Trauung des österreichischen Spanienkämpfers Rudi Friemel und der Spanierin Maria Ferrer machte, die für die Trauung mit einer Sondergenehmigung extra ins Lager durfte. Und ein furchtbares Bild, „das um die Welt gegangen ist. Alle kennen es, die sich auch nur oberflächlich mit Auschwitz und Menschenvernichtung und Naziherrschaft beschäftigt haben. Es zeigt vier jüdische Mädchen, nackt, zum Skelett abgemagert, die uns aus großen Augen anblicken.“ Hackl hat Brasse, der im Oktober 2012 94-jährig gestorben ist, getroffen. Über diese Aufnahme sagt er: „Das war der Moment, in dem ich Gott verflucht habe. Und meine Mutter, daß sie mich geboren hat.“

(S E R V I C E - Erich Hackl: „Drei tränenlose Geschichten“, Erzählung, Diogenes, 160 S., 19,50 Euro; Lesungen im Musil-Institut in Klagenfurt, 22. Mai, 19.30 Uhr, auf Schloss Württemberg in Gmunden 23. Mai, 20 Uhr)