Film und TV

Lebenskampf als ultimative Castingshow

Innsbruck – Als im Juni 2007 der Handyverkäufer Paul Potts auf der Bühne der Castingshow „Britain’s Got Talent“ verkündete, Opernsänger werd...

Innsbruck –Als im Juni 2007 der Handyverkäufer Paul Potts auf der Bühne der Castingshow „Britain’s Got Talent“ verkündete, Opernsänger werden zu wollen, flogen ihm Hohn und Spott um die Ohren. Der TV-Großunternehmer Simon Cowell entschloss sich zu einer Grimasse mit rotierenden Augen, auf die das Showtalent mit der Vorführung seines elenden Gebisses reagierte. Das war eine große Inszenierung, die darauf abzielte, ein Millionenpublikum in einen Strudel aus Verachtung und Mitleid zu werfen. Dann kam Puccinis „Nessun Dorma“, die Juroren zogen ihre Augenbrauen nach oben, das Studiopublikum tobte. Der Tenor schaffte es ins Finale der Show und konnte als Siegerprämie 100.000 Pfund und – mit bereits reparierten Zähnen – einen Auftritt in der „Royal Variety Performance“ vor der Queen einheimsen.

Der YouTube-Clip des Auftrittes wurde 120 Millionen Mal angeklickt und damit als Medienereignis zum potenziellen Kinohit. In David Frankels („Der Teufel trägt Prada“) Verfilmung des Phänomens wird das Video im Copy-Paste-Verfahren verwendet, denn schon die Cutter von „Britain’s Got Talent“ erzählten die Geschichte des metaphorischen Lebenskampfes im richtigen Gefühlsrhythmus.

In „One Chance – Einmal im Leben“ spielt James Corden den schüchternen Arbeitersohn aus Bristol. Seit seiner Kindheit wird Potts wegen seiner Liebe zur Oper erniedrigt und gequält. Wenn er am Familientisch zu Messer und Gabel greift, wird er zum Dirigenten, bis der Vater das Radio abdreht, da sich die Arbeiterklasse in der klassischen Musik nicht erkennen kann. Es ist dann auch dieser von Colm Meaney, der in England auf Ehrliche-Haut-Rollen festgelegt ist, gespielte Arbeiter, der neben ein paar Rabauken dem pummeligen Potts das Selbstvertrauen raubt. Auch Luciano Pavarotti (Stanley Townsend) konnte irren, denn der Startenor verweigert dem Engländer in Venedig die Aufnahme in seine Meisterklasse. Deshalb lässt Potts eine Münze entscheiden. Sie sagt Kopf und damit ja zur ersten Staffel von „Britain’s Got Talent“.

Mit dieser von Simon Cowell erfundenen, angeblich klassenübergreifenden TV-Show findet Potts Erlösung und den Glauben an sich. Sogar den proletarischen Vater überkommt Rührung, die er an seine Saufkumpels im Pub weitergibt. Die schleimige Sicht auf die Talentepolitik erklärt sich in Simon Cowells Doppelfunktion als Produzent und Selbstdarsteller. In England, wo „One Chance“ im Oktober in die Kinos kam, ist die Potts-Ära vorbei. Der Film wurde ein kommerzielles Desaster. (p. a.)

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