Ukraine-Krise - Konferenz: „Leute vom Maidan sind für EU gestorben“

Kiew/Moskau (APA) - Die Konferenz „Ukraine: Thinking Together“ brachte Wissenschafter, Intellektuelle, Autoren und Politiker aus der Ukraine...

Kiew/Moskau (APA) - Die Konferenz „Ukraine: Thinking Together“ brachte Wissenschafter, Intellektuelle, Autoren und Politiker aus der Ukraine, Russland, Europa und Nordamerika in der ukrainischen „Revolutions“-Hauptstadt Kiew zusammen, um über die Ukraine, die Bewegung am Unabhängigkeitsplatz Maidan und das Verhältnis zu Russland zu diskutieren. Es folgt ein Auszug von Statements:

Bernard Kouchner, französischer Ex-Außenminister, Mitbegründer von Ärzte ohne Grenzen (MSF): „Der Maidan hat alles komplett verändert. Er steht für ein demokratischeres und weniger korruptes Land. Die Leute von Maidan sind für die EU gestorben.“

Konstantin Sigov, ukrainischer Philosoph und Menschenrechtsaktivist: „Die EU braucht eine demokratische Ukraine. Es gibt eine gesellschaftliche und politische Krise. Wie viele Todesopfer braucht Europa, um die Dritte Sanktionsstufe einzuleiten?“

Carmen Claudin, Forscherin am Barcelona Centre für Internationale Politik: „Der Maidan ist nur der Start eines Prozesses einer neuen Ukraine. Ohne einen kompletten Wandel des Sowjet-Systems findet die Revolution in der Ukraine nicht statt. Die EU braucht die Ukraine nicht so sehr. Die Ukraine muss die EU binden, sie zu brauchen. Die Europäer sind nicht bereit für eine neue Ukraine.“

Timothy Snyder, Yale-Geschichtsprofessor und Permanent Fellow am Institute for Human Sciences (IWM) in Wien: „Eine Revolution ist in der Ukraine passiert und die westlichen Länder haben sie nicht bemerkt. Die Ukraine ist mehr präsent in Europa, als Europa in der Ukraine. In Europa nehmen wir einige Werte als garantiert an. Aber es ist sehr wichtig, dass jemand an diese Werte erinnert. Wir waren nicht da als die Revolution passierte, das ist eine klassische Reaktion auf Revolutionen.“

Bernard-Henri Levy, Philosoph und Autor: „Die Leute im Osten sind ängstlich. Sie fragen ebenfalls nach europäischer Hilfe. Nur ein kleiner Teil der Bewohner im Osten will autonom sein. Ich ersuche Europa, bitte nicht auf die Propaganda hereinzufallen.“

Francois Heisbourg, Vorsitz des Rats des Genfer Centers für Sicherheitspolitik und dem Internationalen Institut für Strategische Studien in London: „Wir sind zurück im Prä-Kalten-Krieg. Jedoch Russland ist eine Nuklearmacht, es gibt keine offensichtlichen Grenzen, wie weit Putin gehen könnte, Putin ist nicht primär auf die Ostukraine aus, sondern auf die Ukraine. Das ist eine lang anhaltende Krise, vielleicht für 20 Jahre.“

Carl Gershman, USA, Präsident „National Endowment for Democracy“: „Die Leute vom Maidan wollten ein Teil Europas sein; die Aktion kam von den Menschen, nicht vom Staat. Wenn der Maidan erfolgreich ist, dann werden die Russen schauen. Auch in Russland wird es Veränderungen geben. Eines Tages wird Putin nicht mehr da sein. Wir brauchen eine neue Bewegung demokratischer Solidarität, wir sind sehr unvorbereitet dafür.“

Volodymyr Kulyk, Forscher an der nationalen Wissenschaftsakademie der Ukraine in Kiew: „Putin will einen neuen Krieg, um als Weltmacht zu agieren. Der Westen versteht das Schritt für Schritt.“

Tatiana Zhurzhenko, Ukrainerin, Forschungsleiterin am Institute for Human Sciences (IWM) in Wien: „Die Loyalität der Ukrainer wurde nie zuvor getestet. Wir bemerken eine Spaltung, die Leute entscheiden sich zwischen Ukraine und Russland, das ist ein schmerzhafter Prozess unter Familien und Freunden. Wo endet Europa und wo beginnt es?“

Paul Berman, US-Journalist: „Putins Angst ist, sein eigenes Russland ist nicht stabil. Er fürchtet das Ende seines eignen Systems. Es gilt zu zeigen, dass die Ukraine nicht kollabiert, sondern erfolgreich ist in Menschenrechten und der demokratischen Idee der Zivilisation.“

Alexander Smolar, früherer polnischer Journalist und Anti-Kommunisten-Aktivist, Präsident Stefan Batory Foundation in Warschau: „Das totalitäre Element entspringt aus der Angst - oder aus der Sicht der Schwäche des Westens.“

Marci Shore, Yale-Geschichtsprofessorin: „Putin lebt irgendwie in einer anderen Welt ohne Wahr und Falsch. Demokratie und Totalitarismus gehen Richtung Transparenz. Der Maidan war der Versuch der Leute, die Kontrolle über Transparenz zu bekommen.“

Slawomir Sievakowski, Leiter Krytyka Polityczna und Direktor Institute Advanced Study in Warschau: „Ich bin mehr besorgt über den Partikularismus in Europa als Russland. Das europäische Modell hat sich als weniger stark als vermutet herausgestellt, es kompromittierte sich selbst. Der Maidan ist ein starkes Zeichen von Werten. Im Westen ist jedoch nichts passiert. Westliche Länder verkaufen immer noch Waffen an Putin, das diskreditiert die EU, wie auch die Gas-Pipeline South Stream. Neu sind die rechtsextremen Gruppen in Europa, die sich mit Putin solidarisieren.“

Andrzej Waskiewicz, Geschichtsprofessor an der Universität Warschau: „Putin gibt Russland das Bild einer Einheit, das ist im demokratischen System nicht möglich.“

Adam Michnik, polnischer Essayist, Historiker und früherer Anti-Kommunisten-Dissident: „Was auf dem Maidan passiert ist, ist historisch. Es ist eine Demonstration, wie man ein neues Geschichtskapitel öffnet. Das Problem ist die Schwäche des Staates. Der Kreml wir heute vom Spektrum vom Maidan verfolgt.“

Agnieszka Holland, polnische Film- und TV-Regisseurin und Drehbuchautorin: „Wir wissen erst nach der Revolution, ob sie wichtig war, die letzte Revolution wurde an die Korruption verloren. Die Separatisten imitieren Maidan auf ihre eigene Art. Es ist sehr schwer zwischen Wahr und Falsch zu unterscheiden, die Süd- und Ostukraine glaubt der russischen Propaganda. Problematisch ist, dass diese Ideen auch Europa erreichen könnten, vor allem Deutschland.“

Mykola Riabchuk, Forscher an der nationalen Wissenschaftsakademie der Ukraine in Kiew: „Fernsehen in Russland ist kompletter Totalitarismus. Die Gefahr eines totalitären Russland ist kleiner als die eines auseinanderfallenden Europas. Der Westen verrät sich am Geist des Kapitalismus, eine Krise die Putin hilft.“

Martin Simecka, slowakischer Autor und Journalist: „Ich habe noch nie etwas auf der ganzen Welt gesehen, wie den Maidan. Der Maidan war der Moment der Geburt einer neuen Nation. Die Ukraine ist eine Herausforderung für das ganze Europa, speziell Zentraleuropa.“

Die Konferenz war eine Initiative von Leon Wieseltier US-Journalist „The New Republic“ und dem Yale-Professor Timothy Snyder. Unter den vielen helfenden Botschaften und Partnerinstitutionen findet sich auch das „Institute for Human Sciences (IWM)“ in Wien. Die Konferenz fand von 15. bis 19. Mai in Kiew statt. Unter den zahlreichen Referenten fanden sich drei Russen.