Ukraine-Krise - Intellektuelle besorgt über „emotionale Solidarität“

Kiew (APA) - Die ukrainische Intellektuellen-Initiative „Erster Dezember“ warnt vor einer großen Bedrohung für die Gesellschaft und die Wahl...

Kiew (APA) - Die ukrainische Intellektuellen-Initiative „Erster Dezember“ warnt vor einer großen Bedrohung für die Gesellschaft und die Wahlen in der Ukraine. „Wir sind im Stadium von Krieg, Aggression und der Bedrohung der Nicht-Abhaltung der Wahlen“, sagte der Autor Yevgen Sverstyuk vor Journalisten in Kiew. Er warnte aber auch besonders vor innergesellschaftlichen Problemen.

„Es fehlt an gesundem ukrainischem Nationalismus als Boden für emotionale Solidarität“, so Sverstyuk. Der „Feind“ versuche, die Ukraine zu zerstören. Diese Aggressionen würden etwa in Form von Propaganda bzw. Populismus auf der Krim und in Teilen des Ostens durchdringen. Er appellierte an die Verantwortung der Wähler.

„Wir brauchen einen Dialog mit den Menschen, die die Bewegung vom Maidan nicht akzeptieren“, ergänzt Vyacheslav Briukhovetskyi, Ehrenpräsident der Nationalen Universität Kyiv-Mohyla-Akademie. Die Menschen in Donezk und Luhansk würden getäuscht, drei Viertel seien noch nie im Ausland gewesen, viele hätten selbst ihre Region noch nie verlassen. Darunter seien auch viele junge Leute. Sie würden wie zu Sowjet-Zeiten leben und hätten ein großes Arbeitspensum.

Nur zehn bis zwanzig Prozent der Leute im Osten unterstützen den Maidan, schätzt eine Gruppe junger Ukrainer in Kiew gegenüber der APA. Der im Februar gestürzte Präsident Viktor Janukowitsch von der im Osten starken „Partei der Regionen“ stammt aus Donezk. Durch seinen Sturz sind viele Ostukrainer verunsichert. „In Kiew war Janukowitsch immer verhasst“, meint dagegen ein Kiewer zur APA.

Für viele Ostukrainer herrscht in Kiew nun eine Junta. Viele im Westen sehen den Osten als kriminell an. „Sie sind verrückt. Sie erklären sich für unabhängig. Wie soll das gehen? Sie haben große Probleme mit Wirtschaft und Infrastruktur. Woher das Geld kommt, dort wenden sie sich hin. Von Kiew waren sie in dieser Hinsicht immer enttäuscht“, meint ein IT-Techniker zur APA.

„Es ist ein Mythos, dass der Osten das gesamte Land ernährt.“ Der industrielle Osten als Kohle- und Stahlrevier sei gleichzeitig auch der größte Nettoempfänger aus dem Haushalt. „Der Osten war die Region, die am meisten mit der Macht verschmolzen war. Diese hat Angst, ihren Einfluss zu verlieren“, betont der Journalist und Dolmetscher aus Lwiw (Lemberg), Juri Durkot.

Das Land zu einen wird zu einer von vielen großen Herausforderungen für den neuen Präsidenten. Und das beginnt schon in der Hauptstadt: Die Meinungen, ob der Maidan erfolgreich war, gehen auch hier weit auseinander. Und noch ein Faktor schwingt mit, wie ein junger Forscher meint: „Ein Drittel der Bevölkerung interessiert sich doch überhaupt nicht für Politik.“