Ukraine-Krise - Lifenews.ru im Clinch mit ukrainischen Behörden

Kiew (APA) - Die Festnahme oder nach russischer Lesart auch „Entführung“ zweier Mitarbeiter des Moskauer Internetfernsehkanals Lifenews.ru s...

Kiew (APA) - Die Festnahme oder nach russischer Lesart auch „Entführung“ zweier Mitarbeiter des Moskauer Internetfernsehkanals Lifenews.ru sorgt in Russland für einen Sturm der Entrüstung: Die russischen Staatsangehörigen Marat Sajtschenko und Oleg Sidjakin waren am Sonntag von ukrainischen Sicherheitskräften unweit von Kramatorsk (Region Donezk) aufgegriffen worden.

Regierungstruppen hatten die Festnahme bestätigt und den beiden Journalisten des kremltreuen Senders vorgeworfen, militante pro-russische Separatisten begleitet zu haben. Die Journalisten hatten die „Terroristen“ demnach bei einem Überfall auf einen Flugplatz nahe Kramatorsk filmen wollen.

In Kiew wurde die Angelegenheit zunächst eher zurückhaltend kommuniziert: Abgesehen von einem inoffiziellen YouTube-Video, das beide Journalisten mit am Rücken gefesselten Händen und kurz auch mit über den Kopf gestülpten Säcken zeigt, gab es keine offizielle Presseerklärung der zuständigen Behörden: Innenministerium, Geheimdienst und Generalstaatsanwaltschaft schwiegen.

Lediglich Wiktorija Sjumar, die stellvertretende Vorsitzende des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates, eines Gremiums, das lediglich eine beratende Funktion hat, ließ sich zu einem Kommentar hinreißen. Die Ex-Journalistin warf Sajtschenko und Sidjakin unter anderem vor, im Kofferraum ihres Fahrzeuges eine Ein-Mann-Boden-Luft-Rakete mittransportiert zu haben. Aber auch inhaltlich würden diese „Journalisten“, so klagte Sjumar auf Facebook, durch ihre Dokumentation von Angriffen auf ukrainische Soldaten mit Terroristen zusammenarbeiten: „Es ist nötig, die Dinge beim Namen zu nennen: Das ist kein Journalismus, sondern die mediale Begleitung von Terrorgruppen.“

Das russische Außenministerium reagierte auf Sjumars Erklärung mit „besonderer Empörung“. Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow, der in seiner Heimat ganz und gar nicht als Unterstützer eines unabhängigen Journalismus gilt, übte heftige Kritik an der Vorgangsweise der „illegalen ukrainischen Machthaber“. Lifenews.ru selbst lancierte indes eine Kampagne in sozialen Netzwerken mit dem Hashtag #SaveOurGuys .

Der russische Präsident Wladimir Putin, der neben 300 anderen russischen Journalisten kürzlich auch Sajtschenko und Sidjakin für eine „objektive Berichterstattung zu den Ereignissen auf der Krim“ ausgezeichnet hatte, erklärte während eines Aufenthalts in China, dass die Vorwürfe des Waffentransports „völliger Unsinn und Schwachsinn“ seien. Im Donbass tätige Journalisten wie Ilja Barabanow, Sonderkorrespondent der Moskauer Tageszeitung „Kommersant“, erachteten den Raketen-im-Kofferraum-Vorwurf hingegen für glaubwürdig.

Kritik an der Festnahme kam aber auch von der OSZE-Beauftragten für Medienfreiheit, Dunja Mijatovic, die wie Vertreter Russlands ebenso die Freilassung der Festgenommenen forderte. Und auch der prominente Kiewer Journalist Mustafa Najem tat dies: „Ich erachte die beiden nicht als meine Kollegen, wir haben unterschiedliche Auffassungen des Berufes. Aber in diesem Fall geht es nicht um konkrete Personen, sondern um die Beziehung des Staates zu Journalisten insgesamt.“

Abgesehen davon, dass sich die zuständigen Behörden in Kiew bisher öffentlich nicht positionierten, sprechen Indizien dafür, dass eine Freilassung der beiden Lifenews-Mitarbeiter bevorstehen könnte: In einem weiteren Video, das Unbekannte am Dienstag auf YouTube veröffentlichen, erklärte Sajtschenko, bei der Einreise in die Ukraine gesetzeswidrig seine journalistische Mission verschwiegen habe. Ukrainische Behörden könnte dieses Detail als Anlass verwenden, Sajtschenko und Sidjakin einfach des Land zu verweisen.

Gleichzeitig kommt dieser Konflikt zwischen Lifenews und ukrainischen Behörden nicht unerwartet. Der kremlnahe Internetfernsehsender, der dem Moskauer Medienunternehmer Aram Gabreljanow gehört, hatte sich seit der Krim-Krise nahezu als Zentralorgan separatistischer Gruppierungen positioniert. Gleichzeitig wurde auch wiederholt deutlich, dass Lifenews.ru über den Ort und die Zeit entscheidender Operationen bereits im Voraus informiert war. Ohne dass sich zu diesem Zeitpunkt geschichtsträchtige Entwicklungen absehen ließen, hielt sich etwa, so konnte die APA beobachten, Lifenews-Korrespondent Semjon Pegow in den Abendstunden des 26. Februar 2014 just vor dem Krim-Parlament in Simferopol auf. Wenige Stunden später übernahmen hier schwerbewaffnete „Grüne Männchen“ (pro-russische Paramilitärs, Anm.) die Kontrolle über das Gebäude und leiteten damit die Annexion der Halbinsel durch die Russische Föderation ein.

Aber auch im Osten der Ukraine spielte Lifenews.ru anschließend eine äußert wichtige Rolle. Einen Tag nachdem eine schwerbewaffnete Gruppe von Paramilitärs die Polizeistation in Slawjansk (Slowjansk) eroberte, belauschte der ukrainische Geheimdienst SBU am 13. April ein Telefonat, in sich die russischen Staatsbürger Igor Girkin und Alexander Borodaj über die Zusammenarbeit der Paramilitärs mit Lifenews unterhielten. Der Militärkommandant der Separatisten, Girkin, tritt mittlerweile als „Verteidigungsminister der Donezker Volksrepublik“ auf, sein alter Freund Borodaj seit vergangener Woche gar als „Premierminister“.

Aber abgesehen von der konkreten Zusammenarbeit mit separatistischen Gruppierungen nimmt es dieses Medium mit der Realität nicht immer ganz ernst. Ein konkretes Beispiel: Bei einem Live-Einstieg am 17. März berichtete Lifenews-Korrespondent Kirill Olkow von etwa 1.000 pro-russischen Demonstranten, die sich vor der Donezker Regionalverwaltung versammelt hätten. In Wirklichkeit waren es etwa 300. Mit seiner offensichtlichen Falschmeldung von der APA konfrontiert, erklärte Olkow unumwunden: „Wenn ich das (die höhere Zahl, Anm.) nicht sagen würde, dann müsste ich wohl kündigen.“