Filmen als Kraftakt: „Stammheim“-Regisseur Reinhard Hauff wird 75

Berlin/München (APA/dpa) - Für seinen Film „Stammheim“ über den RAF-Terroristenprozess erhielt Reinhard Hauff 1986 den Goldenen Bären der Be...

Berlin/München (APA/dpa) - Für seinen Film „Stammheim“ über den RAF-Terroristenprozess erhielt Reinhard Hauff 1986 den Goldenen Bären der Berlinale - und löste einen Skandal aus. Es gab Morddrohungen gegen die Juroren, bei der Aufführung platzten Stinkbomben, die italienische Filmdiva Gina Lollobrigida distanzierte sich als Jury-Präsidentin öffentlich von der Auszeichnung. Morgen, Freitag, wird der Münchner Filmemacher 75.

Hauffs Ruf als unbestechlichem Chronisten menschlicher Grenzgänge hat der Skandal nicht geschadet. 2005 wurde der Regisseur und Produzent für sein Lebenswerk mit dem Deutschen Filmpreis geehrt. Es war zugleich eine Hommage für sein zwölfjähriges Engagement als Direktor der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin, der er mit viel Elan, Kreativität und Beharrlichkeit neues Profil gegeben hatte.

Als er das Amt 2005 aus gesundheitlichen Gründen abgab, war das Bedauern in der Branche groß. Wochenlang hing an der Fassade des Filmhauses noch ein Abschiedsposter. „Mich hatte es damals ein bisschen erwischt“, sagte Hauff jetzt der Nachrichtenagentur dpa. Inzwischen gehe es ihm gut, auch wenn er nicht mehr stark genug für die Filmarbeit sei. „Das war doch immer ein ziemlicher Kraftakt, so eine Arbeit zu stemmen.“

Am 23. Mai 1939 in Marburg geboren, hatte der Sohn eines Regierungsdirektors seine Karriere zunächst in der Unterhaltungsabteilung der Münchner Bavaria begonnen - auch sein älterer Bruder Eberhard ging in die Filmbranche. Einem breiten Publikum wurde Reinhard Hauff durch den romantisch-sozialkritischen Historienfilm „Mathias Kneißl“ (1970) bekannt, in dem neben Gustl Bayrhammer und Ruth Drexel auch die Regisseurskollegen Rainer Werner Fassbinder und Volker Schlöndorff mitspielten.

Mit Schlöndorff und Produzent Eberhard Junkersdorf gründete Hauff 1973 in München die unabhängige Produktionsfirma Bioskop, die wichtige Werke des deutschen Autorenkinos herausbrachte. „Ich habe meine Arbeit immer auch als moralische Verpflichtung verstanden, für politische Veränderungen einzutreten“, sagt er. „In diese Aufgabe sind wir durch die Zeit damals hineingewachsen.“

Als sein vielleicht bester Film neben „Stammheim“ (Drehbuch Stefan Aust) gilt das mehrfach preisgekrönte Drama „Messer im Kopf“ (1978). Bruno Ganz spielt darin einen Wissenschafter, der als vermeintlicher Terrorist bei einer Razzia einen Kopfschuss bekommt und nur mühsam seine Identität wiederfindet.

Weitere wichtige Werke waren der Fernsehfilm „Die Verrohung des Franz Blum“ (1974), die Tragikomödie „Der Mann auf der Mauer“ (1982) und - als Ausflug in ein anderes Genre - die Verfilmung des erfolgreichen Rockmusicals „Linie 1“ (1987). Seine letzte Regiearbeit war der TV-Dreiteiler „Mit den Clowns kamen die Tränen“ (1990) nach einem Roman von Johannes Mario Simmel.

Angst vor dem Alter habe er nicht, sagt Hauff. „Das gehört zum Leben dazu.“ Umso mehr genieße er das Zusammensein mit der jüngeren Generation - früher an der Filmakademie und jetzt mit seinen Enkeln. „Das ist schön, das hält einen lebendig.“