Berliner Historiker legt Stadtgeschichte Sarajevos vor

Sarajevo (APA/dpa) - Der Altmeister der deutschen Südosteuropa-Forschung, der seit sieben Jahren emeritierte Berliner Historiker Holm Sundha...

Sarajevo (APA/dpa) - Der Altmeister der deutschen Südosteuropa-Forschung, der seit sieben Jahren emeritierte Berliner Historiker Holm Sundhaussen, hat sich die Stadtgeschichte Sarajevos vorgeknöpft. Zum 100. Jahrestag des Attentats auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand legt er eine umfangreiche Analyse vor, die eine schmerzliche Lücke in der sonst nach Metern zählenden Südosteuropa-Forschungen schließt.

Er begutachtet die gegensätzlichen Sarajevo-Blickwinkel, die zwischen Bewunderung einer angeblich beispielhaften multikulturellen Gesellschaft und dem Sinnbild von Extremismus, Nationalismus und Kriegsgräuel pendeln. Sein Fazit: „Sarajevo ist weder ein zeitloses Modell für Toleranz noch für Hass“. Und doch bietet für ihn die Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina Besonderheiten: „Sarajevo hat sein osmanisches Erbe bewahrt“, während alle anderen Großstädte der Region „ent-osmanisiert“ wurden.

„Das jahrhundertelange Nebeneinander, Miteinander und Gegeneinander von Muslimen, Orthodoxen, Katholiken und Juden“ macht für den Autor den genius loci, also den besonderen Geist des Ortes aus. Der Glanzpunkt des Buches ist daher die Darstellung des Wirkens der Gründungsväter Sarajevos: des osmanischen Heerführers Isa-Beg Isakovic und des Statthalters Gazi Husrev Beg im 15. und 16. Jahrhundert.

Sie legten den Grundstein mit ihren Stiftungen, aus denen Moscheen, Schulen, Marktviertel, Bäder, Armenküchen und geistliche Orden hervorgingen. Einen weiteren Höhepunkt der Studie stellt die Beschreibung des entstehenden urbanen Raumes dar. Die erzählerische Wiederauferstehung der damaligen Stadtviertel der einzelnen Religionen, ihrer Häuser sowie der rechtlichen Strukturen geben einen spannenden Einblick in das Alltagsleben.

Wie eng das Schicksal Sarajevos mit Habsburg verknüpft war, zeigt Sundhaussen mit der brutalen Einäscherung der Stadt durch den Heerführer Prinz Eugen Ende Oktober 1697, dem nicht nur die 120 Moscheen zum Opfer fielen: „Sarajevo gab es nicht mehr.“ Das Kontrastprogramm folgt mit der österreichisch-ungarischen Besetzung Bosniens (1878-1918): „In den vier Jahrzehnten unter dem Doppeladler veränderte sich Sarajevo weitaus mehr als in den vorangegangenen zwei Jahrhunderten seit der Zerstörung durch Prinz Eugen.“

Der Modernisierungsschub brachte dem Land ein Eisenbahnnetz und der Stadt das E-Werk, das Gaswerk, die Feuerwehr, die Kanalisation und Trinkwasserversorgung, das Krankenhaus, die Krankenversicherung für Arbeiter, den Postdienst und die Straßenbahn. Der Neubau Sarajevos schaffte neuen Wohnraum für die Bürger, Hotels für die Gäste und Amtsgebäude für die Behörden.

Auch wenn weite Teile des Buches die vor zwei Jahren von Sundhaussen vorgelegte Geschichte Jugoslawiens doppeln, so ist seine Darstellung des bosnischen Bürgerkrieges (1992-1995) lesenswert. Viele Positionen des Autors sind diskussionswürdig, wie er wiederholt selbst einräumt. So die von ihm behaupteten „Fortschritte“ im heutigen Staat, während es im letzten Februar im ganzen Land zu schweren sozialen Unruhen kam.

Schwer nachzuvollziehen ist auch eine andere Einschätzung Sundhaussens: „Mit der Geschichte und den Traditionen Bosniens hat das saudi-arabische Salafitentum nichts zu tun.“ Denn welchen Einfluss der radikale Islam in Form von Wahabismus und Salafiten inzwischen besitzt, wird durch den Neubau unzähliger Moscheen im ganzen Land belegt, der mit dem Geld arabischer Golfstaaten finanziert wird. Auch der Massenzulauf der für Sarajevoer Verhältnisse riesigen „König Fahd-Moschee“ weist darauf hin.

(S E R V I C E - Holm Sundhaussen: „Sarajevo. Geschichte einer Stadt“, Böhlau Verlag, 410 Seiten, 34,90 Euro)