Elfriede Jelinek schreibt NSU-Stück für Münchner Kammerspiele

München (APA/dpa) - Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek (67) schreibt ein Stück über den NSU-Prozess. Die Münchner Kammerspiele er...

München (APA/dpa) - Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek (67) schreibt ein Stück über den NSU-Prozess. Die Münchner Kammerspiele eröffnen am 27. September ihre kommende Spielzeit mit der Uraufführung des Werkes, das den Titel „Das Schweigende Mädchen“ trägt. Handlungsort ist der Gerichtssaal.

„Es ist wie immer bei Jelinek eine Riesen-Arbeit“, sagte Kammerspiel-Intendant Johan Simons, der das Stück als Regisseur auf die Bühne bringen wird, am Donnerstag. „Zwischen Prozessprotokollen, Medienberichten und literarischen Referenzen wagt sie einen tiefen Blick ins Unbewusste der deutschen Seele“, heißt es in der Ankündigung im Spielzeitheft.

Jelineks Stück ist nicht der erste Versuch, sich theatralisch mit dem NSU-Stoff auseinanderzusetzen. Im Münchner Residenztheater kam bereits in dieser Spielzeit das Stück „Urteile“ über die Münchner NSU-Morde auf die Bühne. Auch in Frankfurt/Main, Karlsruhe und Köln gab es Uraufführungen.

„Eine Werwolf-Mordserie ist einem nie als das Mögliche erschienen“, sagte Jelinek im Spielzeitheft in einem Interview mit Simons. „Man hatte sich eigentlich schon in Sicherheit gewiegt und die Neonazis fast als Folklore betrachtet.“ Auch sie habe „den Medien und ihren Fantasien von einer türkischen Mafia geglaubt“, sagte Jelinek weiter. „Wenn diese unglaublichen Lügen, die da verbreitet wurden (...), für wahr verkauft werden konnten, auch mir, die ich mir bis dahin immer eingebildet habe, ein kritischer Mensch zu sein, dann ist alles wahr und gleichzeitig alles gelogen.“

Der Prozess um die Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) mit der schweigenden Hauptangeklagten Beate Zschäpe läuft bereits seit mehr als einem Jahr vor dem Münchner Oberlandesgericht.

Die kommende Saison ist für die Kammerspiele die letzte der Intendanz Simons. Der Niederländer wird 2015 neuer Chef der Ruhrtriennale. Er habe wieder näher bei seiner Familie sein wollen, gab er als Grund für den Wechsel an. Sein Nachfolger in München wird der Berliner Matthias Lilienthal.

Mit „Das schweigende Mädchen“ inszeniert er seine vierte Jelinek-Arbeit, sagte Simons. Außerdem arbeitet er in der kommenden Spielzeit für „Ekzem Homo“ mit Gerhard Polt und den Well-Brüdern zusammen. „Ich muss folgen, der macht seine eigene Sache“, sagte Simons über Polt.

Das Kammerspiel-Publikum erwarten in der Spielzeit 2014/15 darüber hinaus unter anderem Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ in einer Inszenierung von Stephan Kimmig und Schillers „Maria Stuart“ unter der Regie von Andreas Kriegenburg. Die junge Regisseurin Susanne Kennedy, soeben beim Berliner Theatertreffen gefeiert, inszeniert Rainer Werner Fassbinders „Warum läuft Herr R. Amok?“

Luk Perceval inszeniert James Joyce („Exiles“), Sebastian Nübling bringt seinen dritten Tennessee Williams. Residenztheater-Intendant Martin Kusej bringt in den Kammerspielen „Jagdszenen aus Niederbayern“ von Martin Sperr auf die Bühne. Im Austausch dafür inszeniert Simons bereits in dieser Saison „FaustIn and out“ am Residenztheater - ebenfalls ein Jelinek-Stück.

„Es wird eine Spielzeit mit Popmusik, Debatten und Lesereihen“, heißt es in der Ankündigung des Theaters. „Es wird eine Spielzeit mit einer überraschenden Kombination von Nationalitäten und Sprachen. Mit großen Namen und mit Stoffen aus Bayern.“

In einem Brief an das Publikum resümiert Simons vor seiner letzten Spielzeit: „Die Zeit ist vorbei geflogen. In meiner Wahrnehmung hat sich während der letzten vier Jahre vieles geändert. Es gab keine Revolution, wohl aber einen Wandel. Einen Wandel in Richtung einer sehr großen Offenheit. Einer Offenheit für andere Arten von Theater, für Tanz und Performance. Einer Offenheit für Schauspieler aus ganz Europa, für Mehrsprachigkeit auf der Bühne, für eine Körperlichkeit, die genauso wichtig wird, wie die Texte, die man spricht. Einer Offenheit für das scheinbar Unmögliche, das manchmal Widersprüchliche, das Unkalkulierbare.“

(S E R V I C E - www.muenchner-kammerspiele.de)