Fußball: Senkrechtstarter Simeone fordert Routinier Ancelotti

Lissabon (APA/Reuters/dpa) - Da, wo bis vor einem Jahr noch Jose Mourinho polterte, Verschwörungstheorien witterte und Polemik walten ließ, ...

Lissabon (APA/Reuters/dpa) - Da, wo bis vor einem Jahr noch Jose Mourinho polterte, Verschwörungstheorien witterte und Polemik walten ließ, herrscht nun wieder ein anderer Umgangston. Carlo Ancelotti hat als Cheftrainer von Real Madrid einen Kulturwandel vollzogen und der 54-jährige Italiener eilt damit einem historischen Erfolg entgegen.

Mit einem Sieg am Samstag im Finale der Fußball-Champions-League gegen Atletico würde Ancelotti nämlich das zwölfjährige Warten von Real auf den heiß ersehnten zehnten Titel („la decima“) im wichtigsten Europacup-Bewerb beenden. Dabei war Ancelotti nach seinem Wechsel von Paris nach Madrid anfangs misstrauisch beäugt worden, viele hielten ihn für zu farblos als Nachfolger des glamourösen „Special One“ Mourinho.

Doch Ancelotti widerlegte seine Kritiker schnell. Mit Ruhe, Akribie und hoher taktischer Intelligenz schaffte er es, aus den vielen Stars wie Cristiano Ronaldo, Gareth Bale oder Karim Benzema eine Einheit zu formen.

Ancelotti hat als Spieler 1989 und 1990 zweimal in Serie mit dem AC Milan den Europacup der Landesmeister gewonnen, als Coach holte er dann mit Milan die Champions League 2003 und 2007 ebenfalls zwei Mal. Ancelotti weiß also, worauf es ankommt.

„Das wird ein sehr, sehr ausgeglichenes Match. Kleinigkeiten werden entscheiden. Normalerweise gewinnt jene Mannschaft das Finale, die mehr Courage, mehr Mut zeigt“, sagte der Italiener vor dem brisanten Madrider Stadtderby. „Wir spielen gegen ein sehr kompaktes Team, das exzellent zusammenarbeitet“, weiß Ancelotti, dass Atletico wohl eine äußerst harte Nuss sein wird.

Ancelotti wäre erst der zweite Coach, der dreimal den Meistercup bzw. die Champions League gewinnt. Der bisher einzige war Bob Paisley, der Liverpool zu den Triumphen 1977, 1978 und 1981 geführt hat. Seine Kicker scheinen ihn zu lieben, so meinte etwa Superstar Ronaldo: „Das Lob für unsere Erfolge gebührt vor allem unserem Trainer.“

Ancelottis langjähriger Schützling Paolo Maldini strich ebenfalls seine Fähigkeiten hervor, für ein homogenes Mannschaftsklima zu sorgen. „Keiner hat die Spielerkabine mit so viel Gelassenheit und Abgeklärtheit wie Ancelotti im Griff. Das Geheimnis unserer Erfolge bei Milan war seine Normalität und Ruhe.“

Auch sein Gegenüber Diego Simeone ist kein Freund der allzu großen Selbstdarstellung. Keiner verkörpert die - jahrelang abhandengekommenen - Tugenden des Madrider Arbeiterclubs so sehr wie der Argentinier. Einsatz, Kampf und Opferbereitschaft - das ist es, was die Fans der „Colchoneros“ sehen wollen.

Schon als Spieler lebte Simeone diese Tugenden. Simeone war kein Edeltechniker, dafür als harter Arbeiter im Mittelfeld aber unverzichtbar. Bei Atleticos bis zum vergangenen Wochenende letztem Meistertitel 1996, als dem Lokalrivalen des großen Real sogar das Double gelang, war der 106-fache Nationalspieler einer der Schlüsselfaktoren.

Als er den Club Ende 2011 als Coach übernahm, stand dieser im tristen Mittelfeld. Mittlerweile ist Atletico ganz oben angekommen, und Simeone hat sich zur mit Abstand heißesten Aktie auf dem Trainermarkt emporgearbeitet.