Landespolitik

Herbergssuche geht im Wipptal weiter

Das Flüchtlingsheim in Gries kommt, die Anzahl der Bewohner wird aber reduziert. LR Baur weist den Vorwurf der Befangenheit zurück, eine Anzeige bei der Korruptionsstaatsanwaltschaft ist in Ausarbeitung.

Von Nikolaus Paumgartten

Gries a. Br. –Am Mittwochabend herrscht dicke Luft im Kultursaal von Gries am Brenner. Und das liegt nur bedingt daran, dass sich die mit mittlerweile über 200 Menschen voll gefüllte Halle aufgrund der sommerlichen Temperaturen den Tag über aufgeheizt hat. Gerade hat Landesrätin Christine Baur den Anwesenden erklärt, dass das geplante Flüchtlingsheim sicher kommen werde. Jetzt gleicht der Saal einem Dampfkessel, in dem die Emotionen hochkochen.

Die Tiroler Tageszeitung hat zum TT-Forum nach Gries geladen. Neben LR Baur (Grüne) stellen sich Bürgermeister Karl Mühlsteiger, Planungsverbandsobmann Alfons Rastner und Flüchtlingskoordinator Meinhard Eiter den Fragen von TT-Lokalressortchef Manfred Mitterwachauer und dem Publikum.

„Ja freilich. Das werden wir dir schon sagen!“, übertönt ein Gegner den aufbrausenden Protest über die Festlegung Baurs auf den Standort des Heimes im ehemaligen Intertouring Hotel. Als der erste Sturm der Entrüstung langsam abflaut und die Eingangs-Statements des Podiums abgegeben sind, ist das Publikum an der Reihe, mitzudiskutieren.

Rasch zeigen die Wortmeldungen, dass es vor allem die Erfahrungen rund um das Grieser Flüchtlingsheim der frühen 1990er-Jahre ist, die vielen Anwesenden in negativer Erinnerung geblieben sind. Über 100 Menschen waren in jenem Gebäude untergebracht, in dem das Land nun 50 Flüchtlinge beherbergen will. In der Flüchtlingsbetreuung habe sich seither viel getan, versichert Flüchtlingskoordinator Eiter und berichtet davon, dass heutzutage Deutschkurse in Heimen angeboten und die Menschen von einer Vollzeitkraft betreut werden. Auch an den Wochenenden und in der Nacht gibt es Ansprechpersonen.

Bürgermeister Karl Mühlsteiger und Planungsverbandsobmann Alfons Rastner betonen, helfen und Flüchtlinge aufnehmen zu wollen. 50 Personen im besagten Gebäude in Gries sei jedoch weit überzogen. Sie erneuern das Angebot der Wipptalgemeinden, Flüchtlinge aufzunehmen und damit Gries zu entlasten. „Anfang Juni haben wir eine Sitzung des Planungsverbandes, Ende Juni können wir ein konkretes Paket vorlegen“, sagt Rastner. Doch Baur und Eiter brauchen rasch konkrete Angebote. „Wir müssen in Tirol in zwei Monaten 100 Plätze schaffen“, erklärt Eiter.

Umso unverständlicher ist es für FP-Nationalrat Peter Wurm, dass das „bestehende und bestens funktionierende Heim in Fieberbrunn geschlossen werden soll“. Abgesehen davon erledige Österreich bereits jetzt seine Hausaufgaben in Sachen Flüchtlingsaufnahme bestens und liege dabei im europäischen Spitzenfeld. Ebenfalls zu Wort meldet sich SP-Landtagsabgeordneter Gerhard Reheis. Er bricht eine Lanze für jene Leute, die ihre Heimat verlassen müssen: „Diese Menschen brauchen und wollen Nächstenliebe.“

Dass es in den Schulen des Dorfes mit Flüchtlingskindern zu Problemen kommen könnte, glaubt Jakob Vötter, der Direktor der Neuen Mittelschule Gries, nicht: „Kinder gehen natürlich aufeinander zu, da könnten wir uns eine Scheibe abschneiden.“

Heinrich Jakob, der in Gries gemeinsam mit Helfern 250 Unterschriften für eine Volksbefragung gesammelt und BM Mühlsteiger bereits übergeben hat, will schließlich von LR Baur Klarheit über das Gerücht, sie stehe in verwandtschaftlicher Beziehung zum früheren Eigentümer der für das Heim vorgesehenen Liegenschaft. „Besagter Herr ist der jetzige Mann der zweiten Ex-Frau meines Bruders. Und ich kenne ihn gar nicht persönlich“, klärt Baur auf und weist damit die Vorwürfe entschieden zurück. Für Hans Schmid, der Gries aufgrund seiner Lage und fehlenden Infrastruktur für ungeeignet als Standort für ein Flüchtlingsheim dieser Größe hält, ist Baurs Erklärung jedoch zu wenig. Er teilt mit, seinen Anwalt beauftragt zu haben, gegen die Landesrätin eine Anzeige bei der Korruptionsstaatsanwaltschaft einzubringen.

Angesprochen auf die gesammelten Unterschriften in Gries erklärt BM Mühlsteiger, diese nun prüfen lassen zu wollen und einer Volksbefragung positiv gegenüberzustehen. „Ich halte das für eine demokratische Art und Weise, ein Stimmungsbild zu bekommen“, meint Mühlsteiger. Auch wenn die Befragung nach der Tiroler Gemeindeordnung möglicherweise gar nicht zulässig wäre.

In ihrer Schlussstellungnahme macht LR Baur die Zusage, dass nicht wie ursprünglich geplant 50 Personen nach Gries kommen sollen: „Es werden weniger sein. Wir werden mit ein bis drei Familien anfangen und rasch Gespräche mit dem Bürgermeister und dem Planungsverband über mögliche andere Quartiere im Wipptal führen.“ Ein konkretes Angebot aus Steinach hat Altbürgermeister Walfried Reimeir mit im Gepäck: Er bietet zehn Plätze in einem Haus im Ortsteil Stafflach an.

Nach dem Ende der Veranstaltung setzt sich die Diskussion in kleinen Gruppen fort. Der anfängliche Dampf scheint jedenfalls abgelassen.

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