Münchner Biennale

Einfachheit, Melodien und Experimente

„Außer Kontrolle“: Bei Peter Ruzickas letzter Münchener Biennale war plötzlich alles erlaubt.

Von Jörn Florian Fuchs

München –Seit nunmehr 26 Jahren pilgern Freunde des neuen Musiktheaters jeden zweiten Frühsommer an die Isar, um sich über den neuesten Materialfortschritt zu informieren. Hans Werner Henze gründete das Festival einst als offenes Versuchsfeld, 1996 übernahm Peter Ruzicka die Leitung und legte den Fokus eher aufs Intellektuelle und Sperrige. Unter dem Adorniten Ruzicka konnte man sicher sein, nicht allzu viel Melodisches zu hören. Außerdem verzichteten die Stücke häufig auf eine – nachvollziehbare – Handlung. Viel Kritik gab es dafür, manchmal zu Recht, doch oft auch aus bloßem Dünkel heraus. Ein komplexes Musiktheaterlabor, das es niemandem leicht macht, was ist daran grundsätzlich so schlecht? Die Biennale wurde zum Solitär in einem von Musicals und harmlosen Opernnovitäten durchsetzten Betrieb.

Für seine finale Biennale wählte Peter Ruzicka das Motto „Außer Kontrolle“ und am Ende des Festivals weiß man, warum: Plötzlich ist alles erlaubt. Die Eröffnungs­premieren „Vivier“ von Marko Nikodijevic und „Wüstung“ von Samy Moussa schwelgten hemmungslos in Melodien und waren überaus konventionell erzählt. Eine Provokation des Intendanten? Auch die ins Hauptprogramm eingestreuten Konzerte und kleineren szenischen Arbeiten gerieten nicht allzu experimentell. Interessant war der Beitrag von Manuela Kerer (die in Südtirol geboren wurde und in Innsbruck studierte), Kerer schickte vor einigen Premieren Sänger durchs wartende Publikum, ein monströses Rohr-Ungetüm, seltsam beleuchtet, sorgte für Irritation und Aufmerksamkeit.

Lange gab es bei der Biennale eine Art Jugendgebot, in diesem Jahr durften jedoch gleich mehrere alte Meister ihre Opernneulinge zeigen. Detlev Glanert nahm sich Elias Canettis „Die Befristeten“ vor und wagte sich dabei auf Neuland. Glanert schrieb ein ausuferndes Melodram als Begleitmusik zum Schauspiel, gesungene Texte gibt es nicht.

Seine Partitur entstand in enger Zusammenarbeit mit Regisseurin Nicola Hümpel und den Akteuren. Glanert entwickelte und veränderte sein Material während der Proben ständig, was man bei der Uraufführung hört, klingt allerdings doch recht gesetzt und altbekannt. Es ist eine Mischung aus Barmusik, Stummfilmambiente und Klagevokalisen, zu den Höhepunkten zählen einige wütende Klavierdissonanzen. Das Ensemble piano possibile unter Heinz Friedl setzte die Partitur hervorragend um. Canetti entwarf ein merkwürdiges Szenario, alle Menschen kennen ihr Sterbedatum und akzeptieren ihr Schicksal mehr oder weniger erfolgreich. Bis einer kommt und die Ordnung auf den Kopf stellt. Beim Lesen staubt es kräftig, doch Nicola Hümpel rüstet die Sache mit allerlei Verweisen auf die Entschlüsselung des Genoms sowie postmodernen Ennui auf, das Ergebnis ist ein atmosphärisch dichtes, streckenweise aber zu schnoddriges Episodenstück.

Eher zurückhaltend war die Bewegungsregie in Hèctor Parras Musiktheater „Das geopferte Leben“ (Libretto: Marie NDiaye). Das Stück kehrt den Orpheus-Mythos gleichsam um, ein Mann entfleucht dem Totenreich, kommt heim zu Gattin und Mutter und bringt Freund Hein gleich mit. Wenn er zumindest von einer der beiden genug geliebt werde, so lasse er ihn ziehen, singt der – weibliche! – Tod. Und tatsächlich rettet die Mutter ihren Sohn. Hèctor Parra verfugt elegant und höchst konzentriert barocke Töne mit reduziert gegenwärtiger Textur, unter Peter Tillings umsichtiger Leitung harmonieren das Freiburger Barockorchester und das ensemble recherche aufs Feinste und trotz der oft sehr kulinarischen Couleurs nimmt einen dieses anregend gewürzte Klangbad bald gefangen. Vera Nemirova inszeniert mit sicherer Hand Figuren von heute, meist minimalistisch, ab und an leider unangemessen übersteuert.

Den nachhaltigsten Eindruck dieser Biennale hinterließ indes Altmeister Dieter Schnebel mit seinem versöhnlich leichten Musiktheater „Utopien“. Die Neuen Vocalsolisten Stuttgart durchleben hier eine Vielzahl von Seelen- und Vokalzuständen und haben außergewöhnliche Anforderungen zu bewältigen: Einer singt zum Beispiel im Mundraum des Anderen. Sparsam eingestreute Texte von der Bibel über Hölderlin bis zu Ernst Bloch vermitteln sanfte Denk- und Höranstöße, über allem schwebt eine milde eschatologische Hoffnung. Wunderbar einfach und einfach wunderbar!

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