Wiener Festwochen - Brett Bailey: „Ich höre keine Opernmusik“

Wien (APA) - Brett Bailey ist schon ein Stammgast bei den Wiener Festwochen, war er hier doch schon mehrfach mit Arbeiten vertreten, zuletzt...

Wien (APA) - Brett Bailey ist schon ein Stammgast bei den Wiener Festwochen, war er hier doch schon mehrfach mit Arbeiten vertreten, zuletzt 2010 mit „Exhibit A“. Am Samstag nun feiert mit „Macbeth“ die erste Arbeit des Südafrikaners Premiere, die sich mit einem Werk von Giuseppe Verdi auseinandersetzt - und den blutigen Shakespeare-Stoff in den kongolesischen Bürgerkrieg verlegt.

Die APA sprach im Vorfeld mit dem 46-Jährigen über seine Skepsis gegenüber Opernhandlungen, Afrika als Müllplatz des Westens, die Parallelitäten von korrupten Regierungsparteien und Fußballmannschaften.

APA: Der Konnex zwischen Afrika und Europa ist eine Hauptinspirationsquelle Ihrer Arbeiten. Was reizt Sie an diesem Komplex?

Bailey: Mich interessiert die Interaktion zwischen Europa und Afrika. Ich weiß nicht, wie Afrika in der vorkolonialistischen Zeit war, aber mittlerweile hat der Kontinent eine starke Prägung von Europa bekommen. Es ist der Müllplatz des Westens - von radioaktivem Abfall bis zu alten Fernsehern. Bei uns verlieren diese Dinge ihre europäische Reinheit, werden zur Hybriden. Das fasziniert mich. Die Landschaft Afrikas ist übersät mit Rudimenten aus Europa. Diese zwei Welten sind in meiner Sicht untrennbar miteinander verwoben.

APA: Mit „Macbeth“ nehmen Sie erstmals Verdi als Nukleus für eine Arbeit. Haben Sie einen Bezug zu Oper?

Bailey: Die Oper an sich habe ich seit 2001 schon zweimal gemacht, allerdings in anderer Fassung. Als ich damals den Auftrag für eine Arbeit mit Oper bekommen habe, musste ich mich durch alle möglichen Lexika quälen - denn ich höre keine Opernmusik. Und ich fand die große Mehrheit der Handlungen lächerlich, bis ich über „Macbeth“ gestolpert bin. Ich habe die Oper, die ja zweidreiviertel Stunden geht, auf eineinhalb zusammengestoppelt und sie auf das Drama heruntergebrochen.

APA: Eigentlich hat Sie also eher Shakespeare als Verdi angesprochen?

Bailey: Das habe ich nicht gesagt. Wie kommen Sie denn darauf? Ich kenne mich nur mit Opernmusik nicht aus. Es hat auch lange gedauert, bis ich diese spezielle Verdi-Oper gemocht habe - ich höre eigentlich Radiohead und so was. Ich konzentriere mich sehr auf meine Interpretation von Macbeth und Lady Macbeth. Die Shakespeare-Version habe ich schon seit 15 Jahren nicht mehr gelesen.

APA: War es ein Ziel, eine in Ihren Augen obsolete Kunstform zu modernisieren?

Bailey: Nein, Oper ist nicht obsolet. Unser „Macbeth“ ist eine Bearbeitung durch Fabrizio Cassol. Die Verdi-Struktur ist dieselbe und nur neu interpretiert. Verdi wird infiziert mit vielen anderen Musiksprachen. Für mich habe ich das Bild einer Kathedrale aus dem 19. Jahrhundert vor Augen, die im Dschungel steht und von diesem übernommen wird - auch wenn die Struktur noch steht. Ich spiele gerne mit Verschiedenem - vielleicht komme ich mal wieder auf die Oper zurück, vielleicht nicht. Aber Oper ist einfach ein Genre für mich.

APA: Möchten Sie Verdi mit Ritualität verbinden?

Bailey: Nein. Das Stück ist überhaupt nicht rituell. Das war in meinen frühen Arbeiten, als ich mit Heilern und Schamanen gelebt habe, anders. Auch als ich mehrere Monate in Haiti verbracht und über Voodoo gearbeitet habe. Aber hier ist die Musik zu unterschiedlich vom Ritual.

APA: Was war Ihre Motivation, „Macbeth“ in den Kongo zu verlegen?

Bailey: Im Bürgerkrieg in Kongo gab es in den vergangenen 20 Jahren 5,5 Millionen Tote - und Syrien steht mit 150.000 Toten in zwei Jahren im Fokus der Weltöffentlichkeit! Das Leid im Kongo ist hingegen völlig unbekannt. Und ich habe mich gefragt, wie es möglich ist, dass die größte Anzahl von Toten in einem bewaffneten Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg nicht bemerkt wird. Zu großen Teil geht es in dem Krieg um Mineralien, die in unseren Smartphones zum Einsatz kommen. Wenn man also die Dinger verwendet, muss man auch darüber reden.

APA: Wie sehen Sie im Vergleich Südafrikas Position? Hat sich das Versprechen der Vorbildnation für Afrika realisiert?

Bailey: Südafrika ist zum Anziehungspunkt für Flüchtlinge aus ganz Afrika geworden. Es ist nur überhaupt nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Wir haben die höchste Differenz zwischen Reichen und Armen in der Welt. Wir sind eine extrem zerrissene Gesellschaft. Und trotz aller Korruption bleiben die Leute dem ANC (Die Regierungspartei African National Congress, Anm.) treu - weil er die Partei der Befreiung ist. Das ist wie bei einem Fußballteam: Wenn man Manchester-United-Fan ist, bleibt man der Mannschaft treu, egal wie sie spielen.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E - „Macbeth“ von Brett Bailey nach der gleichnamigen Oper von Giuseppe Verdi. Musikalische Bearbeitung: Fabrizio Cassol, Musikalische Leitung: Premil Petrovic am Pult des No Borders Orchestra. Mit Owen Metsileng/Macbeth und Nobulumko Mngxekeza/Lady Macbeth. Premiere am 24. Mai. Weitere Aufführungen am 25., 27. und 28. Mai. www.festwochen.at/programmdetails/macbeth/)