Fußball: Real gegen Atletico - Ein Franco-Club gegen den anderen

Lissabon/Madrid/Wien (APA) - Wenn Real Madrid und Atletico Madrid am Samstag (20.45 Uhr) in Lissabon aufeinandertreffen, ist das nicht nur e...

Lissabon/Madrid/Wien (APA) - Wenn Real Madrid und Atletico Madrid am Samstag (20.45 Uhr) in Lissabon aufeinandertreffen, ist das nicht nur ein innerspanisches Duell und das erste Stadtderby im Finale der Champions League. Es ist auch ein Duell, das nicht nur rein sportlich eine historische Bedeutung hat, sondern auch sozial und politisch. Wobei die Geschichte im Grunde anders war, als sie im Nachhinein gerne gedeutet wird.

Dabei geht es nicht nur um die soziologische Einordnung. Atletico wurde im Jahr 1903 gegründet. Von madrilenischen und baskischen Studenten, die eigentlich dem Athletic Club de Bilbao (baskisch Bilbo) angehört hatten. Der in der Nähe der großen Mahou-Brauerei im südlicheren Teil der spanischen Hauptstadt in einem traditionellen Arbeiterviertel angesiedelte Verein steht traditionell für eine gewisse Erdigkeit und soziale Bodenhaftung.

Dafür spricht auch die Genese des Spitznamens „Colchoneros“. Die „Rojiblancos“ („Rotweißen“) trugen in ihrer Gründerzeit nämlich an sich blauweiße Trikots. Dann kam jemand auf die Idee, die Sportdressen aus dem besonders strapazfähigen Stoff für Matratzen herzustellen. Und die hatten in Spanien meist rote und weiße Streifen. „Colchoneros“ kann in etwa mit „Matratzenmacher“, „Matratzenhändler“ oder „Matratzinger“ übersetzt werden.

Der 1902 gegründete Real Madrid Club de Futbol ist hingegen seit den 1920er Jahren im eher zentralen Stadtteil Chamartin am Boulevard Paseo de la Castellana beheimatet. Real haftet das Image des Nobelclubs an. Vor allem aber galt er über Jahrzehnte als Repräsentationsverein des Regimes von General Francisco Franco, der Spanien von 1939 bis 1975 beherrschte sowie einen autokratisch-nationalkatholischen und vor allem höchst konservativen Touch verpasste.

Eigentlich hatte Franco, der den Fußballs nicht nur propagandistisch nutzen wollte, sondern sich auch tatsächlich dafür interessierte, alles aber ganz anders geplant gehabt. Nach seinem Sieg im Spanischen Bürgerkrieg (1936-39) gegen die verschiedenen Truppen der generell im linken Spektrum angesiedelten Republikaner sollte eigentlich Atletico de Madrid sein Vorzeigeclub werden. Atletico wurde 1939 sogar mit dem Team von Francos Luftwaffe fusioniert und hieß bis Ende 1946 „Atletico Aviacion“.

Die Zuneigung Francos zu Real wurde erst mit den Erfolgen in den 1950er und 60er Jahren geweckt, als das „weiße Ballett“ sechsmal den Europacup der Meister gewann, und sich der „Generalisimo“ im internationalen Ruhm gleich ein wenig mitsonnen konnte. Bezeichnend ist auch, dass auf das Attribut „Real“, also „Königlich“, im Vereinsnamen auch zu Zeiten der Diktatur nie verzichtet wurde.

Allerdings entwickelte sich Real Madrid zu dieser Zeit auch zum Gegenpol zum FC Barcelona, der von vielen Fans als Hort des Katalanentums hochstilisiert wurde. Für aufsässige Katalanen oder gar militante Basken hatte Franco als stolzer Spanier aber schon gar nichts über. Über Jahrzehnte war diesen Minderheiten sogar der Gebrauch der eigenen Sprache verboten.

Diese exponierte Rolle Reals war aber hauptsächlich auf die sportlichen Erfolge zurückzuführen, die Franco eben als Trittbrettfahrer für eigene Zwecke zu nutzen wusste. Mit Atletico war da für das Regime hingegen nicht viel zu holen. Große Erfolge gab es während der Franco-Diktatur nur sporadisch. 1950, 1951, 1966 wurde der Titel eingefahren. Und 1973, als der Österreicher Max Merkel die „Colchoneros“ mit „Zuckerbrot und Peitsche“ zum Gewinn der Meisterschaft führte.

Von 1987 bis 2003 hatte dann der ebenso exzentrische wie bisweilen halbseidene Unternehmer Jesus Gil y Gil das Sagen. Er holte 1990 auch den Niederösterreicher Gerhard Rodax zu den „Rojiblancos“. Die Bilanz hatte eine Bandbreite vom Meistertitel 1996 bis zum Abstieg im Jahr 2000. Ehe der ehemalige Luftwaffenverein 14 Jahre wieder zu einem Höhenflug startete, der sogar auf den Gipfel des europäischen Clubfußballs führen könnte...