EU-Wahl: Martin Schulz - Ex-“Kapo“ will in die EU-Machtzentrale

Straßburg (APA/AFP/dpa) - Noch vor Monaten als politischer Nobody verspottet, dem ewig die „Kapo“-Etikettierung durch den damaligen italieni...

Straßburg (APA/AFP/dpa) - Noch vor Monaten als politischer Nobody verspottet, dem ewig die „Kapo“-Etikettierung durch den damaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi anhaften wird, hat Martin Schulz im Europawahlkampf deutlich an Statur gewonnen. Der amtierende Präsident des Europaparlaments kämpft als Spitzenkandidat der Sozialdemokraten für einen Kurswechsel an der EU-Spitze.

Der begnadete Redner, der fließend Englisch und Französisch spricht, profilierte sich außerhalb seines Heimatlandes Deutschland vor allem als „Anti-Merkel“. Statt auf einen rigorosen Sparkurs will er auf Maßnahmen zur Schaffung von Jobs setzen, womit er insbesondere in den Krisenländern punktet. In Deutschland selbst brachte ihm das scharfe Kritik ein. „Die Fassade und die Person stammen aus Deutschland, aber die Stimme und die Inhalte stammen aus den Schuldenländern“, sagte etwa CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer.

Schulz baut im Europawahlkampf aber auch darauf, nicht zum Establishment der EU-Chefs zu gehören. „Ich möchte der erste Kommissionspräsident werden, der nicht durch eine Abmachung in einem Brüsseler Hinterzimmer ins Amt kommt, sondern demokratisch gewählt wird“, sagte Schulz nach seiner Wahl zum Spitzenkandidaten der europäischen Sozialdemokraten.

Für den SPD-Politiker ist die Nominierung zum Spitzenkandidaten ein neuer Schritt in einer steilen Karriere, die ihn vom Bürgermeistersessel der Provinzstadt Würselen bei Aachen an die Spitze des Europaparlaments gebracht hat. Eine solche Laufbahn war dem Polizistensohn nicht in die Wiege gelegt. In der Schule glänzte er nicht gerade und schaffte es nicht bis zur Matura. Stattdessen wurde er Buchhändler - allerdings einer, „der Bücher nicht nur verkauft, sondern auch liest“, wie er betont. Da kann es auch passieren, dass er im Gespräch mit Journalisten über die Kinderbücher der österreichischen Autorin Christine Nöstlinger ins Schwärmen gerät.

Geboren wurde Schulz im Dezember 1955 im nordrhein-westfälischen Eschweiler. Seit über 40 Jahren lebt er in der Kleinstadt Würselen. Ins Europaparlament wurde Schulz erstmals 1994 gewählt. Seither erklomm der Vater zweier erwachsener Kinder und Fußballfan beharrlich die Karriereleiter. Im Jahre 2004 wurde er Chef der sozialistischen Fraktion, im Jänner 2012 Präsident des Parlaments.

Auch als Parlamentspräsident nimmt sich der 58-Jährige kein Blatt vor dem Mund, was erst jüngst im israelischen Parlament für einen Eklat sorgte: Als er dort die Lebensbedingungen der Palästinenser im Gazastreifen kritisierte, verließen die Abgeordneten der nationalreligiösen Siedler-Partei Jüdisches Heim unter lauten Protestrufen den Saal. Der Zwischenfall weckte Erinnerungen an den Eklat von Schulz mit Berlusconi im Jahr 2003. Nachdem sich Schulz scharfzüngig zur italienischen Innenpolitik geäußert hatte, empfahl Berlusconi ihm die Rolle eines KZ-Aufsehers in einem Film über die Nazi-Zeit. Schulz wurde damit schlagartig berühmt.

Mittlerweile hat sich der deutsche Sozialdemokrat im Parlament auch bei politischen Gegnern Respekt verschafft. Denn unter seiner Führung hat die Vertretung an Selbstbewusstsein gewonnen. So setzte das Europaparlament vor einigen Monaten durch, dass die neue Europäische Bankenaufsicht den EU-Volksvertretern gegenüber zu Transparenz und Rechenschaft verpflichtet ist - nachdem Schulz persönlich beim Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, intervenierte.

Und das Parlament machte bereits klar, dass es nicht auf sein Mitspracherecht bei der Nominierung des nächsten Kommissionspräsidenten verzichten will. Zwar wird über diese Personalie offiziell von den Staats- und Regierungschefs entschieden, doch müssen diese laut dem EU-Reformvertrag von Lissabon dabei erstmals das Ergebnis der Europawahl berücksichtigen.

Damit hat Schulz nach Überzeugung von Insidern bei einem guten Wahlergebnis der SPE durchaus eine Chance. Denn nicht wenige Abgeordnete unterschiedlicher politischer Couleur wünschen sich an der Spitze der Brüsseler Kommission einen Politiker, der den Staats- und Regierungschefs im Gegensatz zum derzeitigen Amtsinhaber Jose Manuel Barroso die Stirn bietet. Dass Schulz dies kann, hat er als Parlamentspräsident bewiesen.

(Wiederholung des PORTRÄTs vom 23. April)