George Tabori

Die Witze des traurigen Clowns

George Tabori, ungarischer Jude, Autor und wegweisender Theatermacher, starb am 23. Juli 2007 im Alter von 93 Jahren.Foto: APA-Picturedesk
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Heute wäre George Tabori hundert geworden. Seine Fragment gebliebenen Lebenserinnerungen sind tragikomisches Welttheater.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –George Tabori war ein Sonntagskind. Kein ganz Zufälliges. Auf Anraten der abergläubischen Großmutter wurde die bereits eingeleitete Niederkunft so lange verzögert, dass der kleine György am Sonntag, 24. Mai 1914 in Budapest in „die kalte Welt glitschte“.

Der erste Lacher, für den Tabori gesorgt hatte, war da bereits einen Tag alt. Und auch der war alles andere als zufällig, sondern die Folge eines ärztlichen Rats: Dr. Wehmut riet der werdenden Mutter zu lachen. „Nicht fröhlich als hätte sie etwas Komisches gehört, sondern um die abdominale Spannung zu lösen. Ein Samstagslacher und ein Sonntagskind also: Schon seine Geburt wird bei George Tabori zur Anekdote, die er – ganz Theatermacher – wirkungsbewusst zu inszenieren weiß. Auf den ersten Blick ist die Geburtsposse witzig. Auf den zweiten auch. Aber wirklich lachen mag man nicht. Man weiß um den bitteren Kern dieses Witzes. In über 30 Theaterstücken hat George Tabori mehr als bewiesen, dass Humor nicht zuletzt eine Waffe gegen die Zumutungen des 20. Jahrhunderts ist. Eine Möglichkeit, um der kalten Welt zu begegnen.

„Autodafé“ heißt der erste – 2002 erstmals veröffentlichte – Teil von Taboris Lebenserinnerungen. Und was mit der eingangs geschilderten Geburt beginnt, endet beinahe 70 Jahre später mit einem verzweifelten George Tabori, der seinen Kummer „schreiend wie ein verwundeter Esel“ in eine Papiertüte erbrach. Davor hatte er nach jahrzehntelangem Zögern erstmals Auschwitz, wo sein Vater umkam, besucht. Doch Spuren des Vaters fand er in der KZ-Gedenkstätte nicht. Lediglich „dumme Gedanken“. Die Verzweiflung überkam Taboris „ungehorsamen Geist“ zunächst im Traum, dann auf dem Heimflug.

Und so war es wohl die Einsicht, dass sich in der Ritual gewordenen Erinnerung kein Trost finden lässt, die den kategorischen Autobiografie-Verweigerer Tabori dazu brachte, seine Geschichte trotzdem zu erzählen. Obwohl er davon überzeugt war, dass Memoiren nur schreibt, wer am Ende ist.

Letztlich ist es dieser Widerspruch, der den Reiz des jetzt um den zweiten, Fragment gebliebenen Teil „Exodus“ erweiterten Bandes ausmacht: Einerseits Tabori, der offen bekennt, dass die Kriegsjahre „die schönsten und aufregendsten Jahre meiner Jugend“ waren und anderseits der sich zuspitzende Wahn des Zeitalters der Extreme, der sich nur mit den bitteren Witzen eines melancholischen Clowns bekämpfen lässt.

Erinnerungen. George Tabori „Autodafé und Exodus“. Aus dem Amerikanischen von Ursula Grützmacher-Tabori, Verlag Klaus Wagenbach, 160 Seiten, 19.90 Euro.

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