EZB will „europäisches Jackson Hole“ etablieren

Frankfurt (APA/Reuters) - Schon seit 1982 treffen sich die Größen aus der Welt der Geldpolitik jedes Jahr in einem abgelegenen Tal in den Ro...

Frankfurt (APA/Reuters) - Schon seit 1982 treffen sich die Größen aus der Welt der Geldpolitik jedes Jahr in einem abgelegenen Tal in den Rocky Mountains. Entrückt vom Tageslärm diskutieren sie in Jackson Hole zusammen mit Wissenschaftlern über Weltwirtschaft, Zinsen und Währungen und die richtige Strategie, um im Ernstfall gemeinsam eine Kernschmelze des globalen Finanzsektors zu verhindern.

Die von der US-Notenbank Federal Reserve organisierte Konferenz ist Pflichttermin für Zentralbanker aus aller Welt, der Ort längst über Fachkreise hinaus bekannt. Am Wochenende sind Europas Notenbanker nun erstmals Gastgeber einer Konferenz, die nicht weniger als den Anspruch erhebt, zu einem zweiten Jackson Hole zu werden. Schauplatz des Treffens von Sonntag bis Dienstag ist die portugiesische Kleinstadt Sintra.

Vom Atlantik aus nur ein paar Kilometer entfernt im Landesinneren nahe der Hauptstadt Lissabon gelegen ist Sintra vielen Touristen wegen der zahlreichen pittoresken Paläste früherer Könige und Adliger ein Begriff. Nun wird die UNESCO-Welterbestätte zur Bühne für die Europäische Zentralbank: Deren Präsident Mario Draghi ist Gastgeber von rund 150 Notenbankern, hochrangigen Politikern, Wissenschaftlern und Finanzfachleuten.

Der Zeitpunkt für der Konferenz ist heikel. Nur wenige Tage nach ihrer Abreise aus Portugal werden die 24 Mitglieder des EZB-Rats bei ihrem nächsten Treffen in Frankfurt am 5. Juni aller Wahrscheinlichkeit neue Maßnahmen beschließen. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters beinhaltet das Paket, an dem Draghi & Co. dieser Tage fieberhaft arbeiten, unter anderem eine weitere Zinssenkung, erstmals Strafzinsen für Banken und weitere Liquiditätsspritzen für den Finanzsektor.

Damit will Draghi zum einen erreichen, dass der für den Geschmack der EZB zu starke Euro am Devisenmarkt abwertet und zugleich die Kreditklemme in Teilen Südeuropas abnimmt, wenn es für Banken unattraktiver wird, Geld lieber bei der EZB zu parken, als es an Unternehmen weiterzureichen. Zudem stieg zuletzt der Druck auf Draghi gegen eine drohende Abwärtsspirale sinkender Preise und fallender Investitionen vorzugehen, die den zarten Aufschwung in den 18 Euro-Ländern abwürgen könnte. Geht es nach dem Internationalen Währungsfonds (IWF), könnte Draghi schon zu spät dran sein.

Da trifft es sich aus Sicht des IWF gut, dass seine Chefin Christine Lagarde Stargast des Treffens in Sintra ist. Sie dürfte gleich zu Beginn beim sonntäglichen Abendessen ihrer Forderung nach einer schnellen und massiven Aktion der EZB erneut vehement Ausdruck verleihen. Das macht sie seit Monaten recht regelmäßig. Und Draghi wird nicht müde die frühere französische Finanzministerin unter Verweis auf die politische Unabhängigkeit der EZB in ihre Schranken zu weisen. Gelegenheit dazu hat er in Sintra bei einer geldpolitischen Grundsatzrede am Montag. Es wäre wohl eher ein Scheingefecht für die Galerie.

In der Sache dürfte Lagarde nämlich zufrieden sein mit Draghi, der Anfang Mai die Tür für eine weitere Lockerung der Geldpolitik im Juni weit öffnete. Und auch nach den Worten von EZB-Direktor Yves Mersch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Zentralbank nun zu neuen Werkzeugen greift, „erheblich gestiegen“. Eindeutiger kann ein Notenbanker kaum werden. An den Finanzmärkten ist eine weitere Zinssenkung der EZB im Juni bereits „eingepreist“, wie es im Börsenjargon heißt. Selbst die Bundesbank will sich nicht verschließen, sollten zusätzliche Schritte nötig werden. Allerdings warnte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann unlängst: „Noch ist unklar, ob wir überhaupt handeln müssen.“

~ WEB http://www.ecb.int ~ APA302 2014-05-23/12:27