Interview

Bobby McFerrin: Stimmen im Kopf

Bobby McFerrin erforscht seit Jahren die Möglichkeiten der menschlichen Stimme. Ein Gespräch über himmlische Chöre, zerbrechliche Klänge und geplante Improvisation.

Kürzlich sah ich Otto Premingers Verfilmung von „Porgy und Bess“. Die Hauptrolle spielte Sidney Portier, aber seine Gesangparts übernahm ihr Vater Robert.

Bobby McFerrin: Richtig. So war das damals. Die Schauspieler wurden gefeiert, aber die Sänger machten die Arbeit. Aber mein Vater war auch der erste afroamerikanische Solist an der New Yorker Met. Auch meine Mutter war Sängerin.

Ihr Talent wurde Ihnen also in die Wiege gelegt. Trotzdem entschieden Sie erst spät, selbst eine Gesangskarriere zu starten. Warum?

McFerrin: Zu Hause haben alle gesungen. Und ich hatte, wie es sich für einen eigenwilligen Jungen gehört, den Wunsch anders zu sein – und wurde Pianist. Eines Tages, auf dem Heimweg von einem Auftritt, überkam es mich: Ich hörte Stimmen in meinem Kopf. Ganz plötzlich erkannte ich, was ich machen wollte. Was ich machen musste. Ich war Sänger. Und damit begann das Lernen: Ich musste lernen, wie sich diese Musik, die ich im Kopf hatte, singen lässt. Damals war ich 27 Jahre alt. Seither lerne ich.

Und die Entscheidung haben Sie nie bereut?

McFerrin: Warum sollte ich. Es war keine Entscheidung. Es war eine Erkenntnis.

Heute Abend präsentieren Sie beim TschrigArt-Festival ihr Projekt „Vocabularies“. Was darf man erwarten?

McFerrin: Der Grundgedanke von „Vocabularies“ war es, aus den „Wörterbüchern“ unterschiedlicher musikalischer Sprachen – vor allem Jazz, Weltmusik, Klassik – etwas ganz eigenes und eigenwilliges zu entwickel: Ein neues Vokabularium des Klangs. Ich wollte meine eigenen Blockaden lösen und Sachen machen, die Sänger eigentlich nicht tun. Da ich nicht alles, was ich in meinem Kopf bereits hörte, alleine singen konnte, habe ich andere zum Mitsingen eingeladen. Bei Auftritten war das das Publikum, ansonsten die Studenten meiner Workshops und letztlich auch professionelle Sänger aus denen das Voicestra wurde. Das Miteinandersingen, das ungeplante Experimentieren, ist eine ungemein beglückende Erfahrung. Vor allem, wenn man merkt, dass auch die anderen beginnen, ihren gesanglichen Wortschatz zu erforschen.

Was interessiert Sie an der permanenten Erforschung der menschlichen Stimme?

McFerrin: Sehen Sie, schon das biblische Wort für „Geist“ kann auch mit „Atem“ übersetzt werden. Singen ist bewusstes Atmen. Ein Mensch, der singt, ist ganz bei sich. Wenn Menschen gemeinsam singen, ist das für mich eine erhebende Erfahrung. Es lässt sich nicht beschreiben.

Aber Sie haben versucht, diese Erfahrung auf eine Platte pressen. Ihr Album „Vocabularies“ erschien im Vorjahr.

McFerrin: Linda Goldstein, die meine musikalischen Schandtaten seit Jahrzehnten begleitet, war davon überzeugt, dass sich meine improvisierten Chöre – ich nenne sie „Circlesongs“ – zu Papier bringen lassen und aufgezeichnet werden können. Zusammen mit dem Produzenten und Arrangeur Roger Treece habe ich acht Jahre lang daran gearbeitet. Aber natürlich kann man das Album nur schwer mit der Live-Show vergleichen. Die Aufnahmen sind phänomenal produziert, tausende von Stimmen, die ineinander übergehen: ein künstlich erzeugter Himmelschor. Die Live-Show ist direkter, die Klangräume sind zarter, fast zerbrechlich – vor allem aber gibt es die Möglichkeit, jeden Abend etwas Neues zu versuchen.

Berühmt wurden Sie durch ihre Solo-Performances, jetzt stehen Sie mit bis zu 18 Sängern auf der Bühne.

McFerrin: Ja, daran musste ich mich zunächst gewöhnen. Dafür war meine Erfahrung als Dirigent sicherlich ein Vorteil. Auch wenn es nicht ganz ohne Plan und einstudierte Einsätze geht, versuche ich so flexibel wie möglich zu bleiben. Man muss immer bereit sein, sich überraschen zu lassen. So gesehen ist „Vocabularies“ die konsequente Fortführung meiner Solo-Programme. Ich bin immer noch damit beschäftigt, die Musik, die ich im Kopf habe, auch für andere hörbar zu machen. Aber ich kann Sie beruhigen: Ich erlaube mir weiterhin das eine oder andere Solo.

Zuletzt haben Sie beim Londoner Science Festival über die Verbindung zwischen Musik und Gehirn diskutiert. Beeinflussen neurologische Erkenntisse ihr Verständnis von Musik?

McFerrin: Ich glaube eher, dass musikalische Erkenntnisse mein neurologisches Verständnis beeinflussen (lacht). Ernsthaft: Ich wurde eingeladen, um über ein Experiment zu sprechen, das ich jahrelang auf Tour durchgeführt habe. Ich zeigte, dass jeder Mensch, egal ob musikalisch vorgebildet oder nicht, mittels einfacher visueller Anleitung eine pentatonische Tonleiter singen kann. Es scheint ein fixer Bestandteil der menschlichen Hardware zu sein. Warum das so ist, weiß ich nicht. Aber das es so ist, begeistert mich.

Das Gespräch führte Joachim Leitner

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