„Unerhört und unerhört“: Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ uraufgeführt

Mannheim (APA) - Der Ansturm von Flüchtlingen auf die Festung Europa steht im Mittelpunkt von „Die Schutzbefohlenen“, dem neuen Stück von El...

Mannheim (APA) - Der Ansturm von Flüchtlingen auf die Festung Europa steht im Mittelpunkt von „Die Schutzbefohlenen“, dem neuen Stück von Elfriede Jelinek, mit dessen Uraufführung am Freitagabend das Festival „Theater der Welt“ in Mannheim gestartet wurde. Regisseur Nicolas Stemann brachte für diese Produktion des Hamburger Thalia Theaters nicht nur Schauspieler, sondern auch einen Flüchtlingschor auf die Bühne.

Lampedusa, die Wiener Votivkirche, in der Flüchtlinge campierten, um für ihre Anliegen Gehör zu finden, und das Servitenkloster, wo sie anschließend vorübergehend Unterkunft fanden („Wir verstecken uns in Kirchen und Klöstern“), sind die Bezugspunkte des Jelinek-Textes, der wie immer die Sprache zum Aufdecken gesellschaftlicher Schieflagen und Doppelbödigkeiten verwendet. „Wir haben keine Vertretung - wir werden getreten“, heißt es einmal. „Das ist unerhört - und unerhört bleiben auch wir“, ein anderes Mal.

Jelinek hat Motive aus „Die Schutzflehenden“ des Aischylos mit Materialien aus dem modernen Asyl-Diskurs verlinkt und überschrieben - aus einer Innenministeriums-Broschüre „Zusammenleben in Österreich“, aus der medialen Berichterstattung. Auch Zeitungsberichte und Kommentare über die Einbürgerungen der Sängerin Anna Netrebko und der Tochter von Boris Jelzin werden zitiert. Natürlich ist viel Bedenkenswertes dabei, aber kaum etwas Neues. Sowohl beim sprachlichen Zugriff als auch beim Thema selbst stellt sich bald das Gefühl ein: Tausend mal berührt - tausend mal ist nichts passiert.

Dazu trägt auch die Inszenierung von Nicolas Stemann bei, der sich zunächst sehr an seinem bereits oft praktizierten Zugriff auf die Jelinek‘sche Welt-Text-Maschine orientiert: Rechts auf der fast leeren Bühne steht ein Klavier für die Musikbegleitung, links ein Regie- und Arbeitstisch für die Visuals (auch Bilder der Flüchtlingsboote werden eingeblendet), im Hintergrund die schier unvermeidliche Leuchtanzeige. Diesmal wird nicht die Zahl der verbleibenden Textseiten hinunter, sondern offenbar die Zahl der Flüchtlinge hinaufgezählt. Tot oder lebendig? Dafür gibt es keine Erklärung. Man startet bei 25.167.

Schauspieler des Thalia Theaters (darunter Barbara Nüsse und Sebastian Rudolph) eignen sich, den Text in der Hand, Jelineks rhythmisierte Sprache an und bringen mit einer Selbstreflexion über die Darstellung des und der Fremden auf dem Theater („Dealer, Spieler, Rapper und Gangster“ seien die einzigen Rollen, die er bekäme, beschwert sich ein dunkelhäutiger Schauspieler) Gedanken ein, mit denen sich der nun für 17 Tage in Mannheim versammelte internationale Theaterbetrieb wohl permanent auseinandersetzen musste.

Als sich der erste Schauspieler das Gesicht schwarz bemalt, kommt einem die „blackfacing“-Debatte in den Sinn, die rund um die kommende „Die Neger“-Inszenierung von Johan Simons bei den Wiener Festwochen wohl noch eskalieren dürfte. Doch, oh Schreck: Auf das blackfacing folgt yellowfacing, whitefacing, redfacing - und damit jener Schritt ins Absurde, ohne den kein Stemann-Abend auskommt. Dazu gibt es falsche Bärte, Langhaarperücken, eine farbige Anna Netrebko und eine auf dem Stier reitende gar nicht graziöse Europa...

Es gibt aber auch den Einbruch der Wirklichkeit, der leider mehr bemüht als gelungen wirkt. Ein hoher Stacheldrahtzaun wird herabgelassen. Er kann mühelos umgangen und überklettert werden. Immer mehr Menschen kommen auf die Bühne, vom Programmheft als „Flüchtlingschor“ ausgewiesen. Einerseits wird der hilflose offizielle Umgang mit ihnen ironisiert (inklusive einem Regen von „Geschenkpaketen“), anderseits scheitert der Versuch, sie ins Geschehen zu integrieren und ihnen eine echte Stimme zu geben. „Sie sind gekommen, aber sie sind gar nicht da“, heißt es am Ende von mit kräftigem Applaus aufgenommenen 105 Theaterminuten, die niemandem wirklich wehgetan haben.

Viel schärfer ging da unmittelbar vor der ersten Premiere der Festival-Eröffnungsredner mit den Deutschen zu Gericht. Festivalleiter Matthias Lilienthal, der in der übernächsten Saison die Münchner Kammerspiele übernehmen wird, hatte den 1983 geborenen US-Internet-Aktivisten und Edward Snowden-Vertrauten Jacob Appelbaum eingeladen. Der stellte schonungslos die Doppelmoral deutscher Politik und deutscher Medien an den Pranger. In einem Text, dessen Abdruck von führenden deutschen Zeitungen verweigert worden sei, legt er sein Unbehagen bei der vor wenigen Tagen erfolgten Übernahme des Henri-Nannen-Preises dar.

Bei Recherchen sei er auf die NS-Vergangenheit des Preis-Namensgebers, des deutschen Publizisten und langjährigen „Stern“-Herausgebers Henri Nannen (1913-1996) gestoßen und habe für sich entschieden, dass jemand, „der Propaganda für die Nazis gemacht hat“, nicht jene journalistrischen Ideale repräsentieren könne, für die er geehrt werde. Daher wolle er die Preisskulptur mit dem Kopf von Henri Nannen aus Protest einschmelzen lassen - zugunsten einer Skulptur, die den „anonymen Informanten“ ehre. Im übrigen fordere er die deutsche Bundesregierung auf, sich „nicht von meiner Regierung einschüchtern lassen und Snowden Asyl anzubieten“. Das saß und verstörte. Deutlich mehr als das anschließende Theaterstück.

(S E R V I C E - www.theaterderwelt.de; http://www.henri-nannen-preis.de )