Bosnien - Inzko hofft auf Wandlung der Politik nach Hochwasser

Sarajevo (APA) - Der Hohe Repräsentant der Internationalen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina, Valentin Inzko, sieht gerade in der Tragödie...

Sarajevo (APA) - Der Hohe Repräsentant der Internationalen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina, Valentin Inzko, sieht gerade in der Tragödie der Hochwasserkatastrophe „Chancen für die Völker Bosnien-Herzegowinas zusammenzuwachsen“. Die gegenseitige Hilfe von Betroffenen unterschiedlicher Volksgruppen und über Staatsgrenzen hinweg sei ermutigend gewesen, so Inzko Samstagmittag im „Im Journal zu Gast“ des ORF-Radio.

„Ich bin eigentlich überrascht, wie gut das auf allen Ebenen funktioniert“, so der österreichische Diplomat zum Hilfseinsatz. Das gemeinsame Verteidigungsministerium in Sarajevo gebe es erst seit acht Jahren: „Die Soldaten sind pausenlos im Einsatz, mit ihren wenigen Lkw und Hubschraubern. Viele der Soldaten haben ihre eigene Häuser verloren und dennoch helfen sie anderen“, so Inzko. Ein Wermutstropfen sei es allerdings, dass sich die Führungsebene des Staates nicht auf die Ausrufung des Notstandes - wegen Bedenken einiger Minister - einigen habe können. Auf regionaler Ebene habe das hingegen funktioniert.

„Die Katastrophe hat bewiesen, dass Grenzen völlig irrelevant sind, in Bosnien selbst und zwischen Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina. Das Wasser kennt keine Grenzen, es sucht sich seinen Weg“, so der Hohe Repräsentant. Kroaten hätten Bosniaken geholfen, Serben den Kroaten: „Hier hat keiner nach der Konfession und der Volksgruppenzugehörigkeit gefragt. Diesmal gab es nur Menschen in Not und Nachbarn in Not“, sagte Inzko. Das sei eine gigantische Chance für Bosnien-Herzegowina.

Dass allerdings Spediteure mit Hilfsgütern und private Helfer mit ihren Fahrzeugen an der Grenze warten müssten, sei schon ein Widerspruch. Jedoch würde die Internationale Gemeinschaft und EU verlangen, dass Regeln eingehalten würden: „Keiner muss Zoll zahlen, aber durch die Prozedur muss jeder durch“. Es gebe jedenfalls eine „gigantische Hilfsbereitschaft, auch aus Österreich“.

Im Moment seien Zehntausende ohne Trinkwasser, 40.000 Menschen wurden in Bosnien evakuiert, rund eine Millionen ist direkt oder indirekt betroffen, entweder weil das Haus zerstört wurde oder kein Zugang zu Strom und Wasser bestehe. Dies sei nun die schwierige zweite Phase, so Inzko: „Im Norden wird ein Feldspital gebraucht, in allen Gebieten Pumpen und Wasseraufbereitung“. Der Diplomat rief dazu auf, Spenden an Hilfsorganisationen wie Caritas oder Rotes Kreuz zu überweisen.

Auf die Korruption bei der Verteilung von Hilfsgütern und Finanzmitteln angesprochen sagte Inzko, dass sich der bosnische Staat konsolidiert Habe - für Bosnien sei auch wichtig, was der serbische Regierungschef Aleksandar Vucic gesagt habe: „Weh dem, der auch nur einen Dinar veruntreut“. Alles andere würde die Moral der Helfer unterminieren. Es gebe Anzeichen für Veruntreuung, aber das müsse man zurückdrängen. Ein Problem seien auch die nun weggeschwemmten Minen, die an Orten auftauchten, die als geräumt galten. „Das ist ein enormes finanzielles Problem, denn das Räumen von Schlamm und Muren ist aufwendig und teuer - aber noch viel mehr, wenn zuvor geprüft und entmint werden muss“.

Bei den kommenden landesweiten Wahlen zum Staatspräsidiums, zur Abgeordnetenkammer des gesamtstaatlichen Parlamentes sowie der Parlamente der zwei Landesteile hoffe er, „dass sich die gegenseitige Hilfe nach diesem fast biblischem Hochwasser positiv auf die politische Ebene auswirkt“, sagte Inzko. So habe der serbische Bürgermeister des schwer getroffenen Doboj die größte Hilfe von der Kommune eines muslimischen Bürgermeisters bekommen.

In Bosnien sind laut Außenministerium mehr als 100.000 Häuser durch das Hochwasser beschädigt oder zerstört worden, darunter mindestens 230 Schulen und medizinische Einrichtungen. 22 Menschen waren laut vorläufigen Angaben ums Leben gekommen.