EU

Die Gefühle für die EU sind zwiespältig

Europa wählt: Von 22. bis 25. Mai finden die EU-Wahlen statt. 400 Millionen Menschen sind wahlberechtigt, davon 6,4 Millionen Österreicher.
© EPA

Die Österreicher schätzen an der EU unter anderem die offenen Grenzen, sind aber besorgt, welche Auswirkung die Zuwanderung hat.

Wien – „Es ist zwar nicht alles gut, aber es wird alles gut werden“, meint Alexander Fankhauser. Der Tiroler Starkoch sagt damit das, was viele Österreicher denken. Die Europäische Union wird nicht in Abrede gestellt, aber die Gefühle der Menschen sind positiv wie negativ. „Man findet es toll, dass die Grenzen offen sind, man schätzt den Frieden und die Stabilität“, erklärt Paul Schmidt, Generalsekretär der österreichischen Gesellschaft für Europapolitik.

Sorge bereitet aber vielen Menschen die Zuwanderung, „man fürchtet einen verstärkten Wettbewerbsdruck und Lohndumping“. Besonders der Euro spaltet die Gemüter und emotionalisiert zudem stark: „Er steht als Symbol für die Verbindung der Menschen und Länder innerhalb der EU. Zudem ist man auch aus ganz pragmatischen Gründen froh, ihn zu haben, weil man beim Reisen kein Geld mehr wechseln muss. Aber er gilt auch als Sündenbock für alles, was mit Preisanstiegen oder Wirtschaftskrisen zu tun hat“, sagt Schmidt. Ob der Euro mehr auf Wohlwollen oder mehr auf Ablehnung stößt, „ist ein bisschen tagespolitisch abhängig“. Das Thema EU-Erweiterung ist für die Österreicher im Moment abgeschlossen, wie Umfragen der Gesellschaft für Europapolitik zeigen. „Die Erweiterung im Jahr 2004 wird durchaus positiv gesehen. Kritischer werden die Stimmen aber schon gegenüber dem Beitritt von Rumänien und Bulgarien 2007. Weitere Erweiterungen werden überhaupt nicht begrüßt, weil man glaubt, dass noch kein Land bereit für die EU ist. Man ist der Meinung, dass wir EU-intern vor so vielen Herausforderungen stehen, die es zuerst zu lösen gilt“, so Schmidt.

Als wichtigstes Ziel, das es laut Umfragen gilt anzupeilen, „nennen fast alle das Thema Beschäftigung. Für die Menschen geht es primär um die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Arbeitsplatzsicherung, und das nicht nur in Südeuropa, sondern auch im eigenen Land. Man glaubt zwar, dass sich die EU positiv auf die Wirtschaft auswirkt, aber Otto Normalverbraucher weniger davon hat“, erklärt Schmidt. Die EU selbst kommt den Österreichern laut Schmidt oft „als zu weit weg, als zu abstrakt vor“. Das rühre daher, „dass sich die Menschen einfach zu wenig informiert fühlen – außer in Vorwahlzeiten natürlich. Viele fragen sich, was hat zum Beispiel ein neues Gesetz mit mir zu tun, und würden sich wünschen, dass das an konkreten Beispielen erklärt wird.“ Sorge macht den Österreichern zuletzt auch ein bisschen, „dass die Stimme Österreichs im europäischen Konzert ein wenig untergehen könnte.“ (wa, pla, sst, lipi)

Wie stehen Sie zur EU?

Eleonore Bürcher, Schauspielerin

1.

Ich bin in der Schweiz geboren und seit 1994 Österreicherin. Meine Einstellung gegenüber der Europäischen Union ist sehr positiv. Ich finde die Abstimmung gegen die Zuwanderung aus der Europäischen Union, die vor Kurzem in der Schweiz stattgefunden hat, einfach unmöglich. Der wichtigste Verdienst der Europäischen Union aus meiner persönlichen Sicht ist, dass es seit ihrem Bestehen in ihren Mitgliedsländern keinen Krieg mehr gegeben hat. Das ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass die Nationalstaaten nicht mehr diese Bedeutung haben wie etwa im 19. Jahrhundert. Es ist auch eine Tatsache, dass es den Österreichern seit dem EU-Beitritt wirtschaftlich wesentlich besser geht. Ich werde auf jeden Fall zur Wahl gehen."

Alexander Fankhauser, Starkoch

2.

Natürlich fühle ich mich als Europäer. Es ist zwar nicht alles gut, aber es wird alles gut werden (lacht). Ich werde auf jeden Fall wählen gehen. Meine Meinung ist, wenn es eine Wahl gibt, dann hat man als Demokrat einfach teilzunehmen. Es geht nicht, dass man auf die EU schimpft und dann nicht wählen geht. Für den Tourismus ist die EU enorm wichtig. Es ist für uns jetzt wesentlich einfacher, Personal aus den Mitgliedsstaaten zu bekommen. Auch für unsere jungen Leute, die im Ausland im Tourismus arbeiten wollen, hat sich viel zum Positiven verändert. Ungleich komplizierter ist es, nach Amerika zu gehen. Ich wünsche mir, dass die jungen Leute in der EU Erfahrung sammeln und dann gern nach Tirol zurückkommen."

Barbara Geiger-Singer, Unternehmerin

3.

Wir müssen über den Tellerrand schauen. So schön Tirol ist, die Zukunft liegt in jeder Hinsicht in Europa und das Herz Europas schlägt in Brüssel. Meine Stimme bei der Europawahl abzugeben, ist eine Chance. Europa bringt für uns einen Dominoeffekt. Wir haben Kontakt zu den Ländern Europas und Europa streckt wiederum die Fühler weltweit aus. Für kleine Betriebe ist Europa also fruchtbringend. Meine Tochter feiert jetzt ihren 12. Geburtstag. Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, hat sich viel geändert. Damals war es ein Riesenproblem, in anderen Ländern eine Ausbildung zu absolvieren. Unsere Kinder haben heute viele Möglichkeiten, Auslandserfahrungen zu sammeln. Europa ist wichtig und öffnet die Welt."

Elia Barceló, Schriftstellerin

4.

Ich fühle mich absolut als Europäerin. Europa ist die Zukunft, aber es gibt natürlich viele Probleme. Ein Problem liegt darin, dass viele Menschen nur eine Sprache sprechen und dazu „broken English“. Das ist schade, weil Europa voller Schätze ist. Die Menschen sollten vier Sprachen verstehen und zwei Sprachen sprechen können. Das wäre ein Schritt vorwärts. Wir haben eine gemeinsame Identität und durch das Verstehen der Sprachen wird sie verstärkt. Junge Menschen haben heute viele Möglichkeiten. Sprachen bieten auch eine bessere Chance, in anderen Ländern arbeiten zu können. Ich kenne bereits viele gemischte Paare. Deren Kinder wachsen zweisprachig auf und werden zu Großeltern nach Norwegen oder Spanien fahren. Wir müssen für Europa kämpfen."

Andreas Altmann, MCI-Rektor

5.

Als Student habe ich viel Zeit in den USA verbracht. Was für ein Freiraum und welche Chancen! Wie begrenzt und einschränkend damals hingegen Europa. Das hat sich geändert: Heute ist Europa der große Traum, ein Kontinent der Hoffnung und Möglichkeiten. Vor allem aber ein gewaltiges Friedensprojekt, gemeinsamer Kulturraum und Bollwerk der Demokratie und Toleranz. Mit hohem Augenmerk auf soziale Stabilität und eine intakte Umwelt. Wo wir Handlungsbedarf haben? Es braucht mehr Mut und Dynamik im Bereich Forschung, Entwicklung, Technologie und Innovation, eine Reform unserer Sozial- und Bildungssysteme und eine Rückbetonung von Freiheit und Eigenverantwortung des Individuums gegenüber dem Staat."

Herbert Spielmann, Bankangestellter

6.

In erster Linie fühle ich mich als Tiroler, dann als Österreicher, gleichzeitig aber auch als Europäer. In meiner Jugend waren Grenzen, wie der Brenner, noch Realität, das Arbeiten im Ausland war kompliziert und mit vielen Hürden verbunden. Für meine beiden Töchter im Teenageralter ist das alles anders, für sie bietet Europa viele Chancen – vor allem berufliche. Das finde ich gut. In Zukunft werden wir sicherlich noch stärker als jetzt in Regionen denken und leben. Eine riesengroße Herausforderung der nächsten Jahre wird für die EU die Erweiterung sein. Dazu muss man sagen, dass nicht alles zur EU passt. Ein anderer Knackpunkt ist sicherlich auch die Migrationspolitik. Hier hat Europa noch keine gute Lösung gefunden."

Isabella Wild, Praktikantin

7.

Während meines bisherigen Lebens durfte ich schon viele Länder in Europa kennen lernen. Hier habe ich selbst erlebt, dass das Geheimnis des Glücks in der Freiheit liegt und der europäische Freigeist wie auch die Vielfältigkeit viel Potenzial bergen. Um dieses besser nützen zu können, bräuchte es aber eine Gesellschaft, die noch mutiger, toleranter und offener für Neues ist – dies setzt jedoch auch Rahmenbedingungen und Konsequenzen bei Regelbruch voraus. Für die EU wünsche ich mir, dass ihre Bürger dem Fremden anstatt mit Angst mit einem gesunden Respekt gegenübertreten. Denn wenn man offener aufeinander zugeht, erkennt man, welches Potenzial jeder Einzelne in sich trägt. Und letztendlich wird davon auch die EU profitieren."

Heinz Gstir, Biobauer

8.

Die Europäische Union hatte ursprünglich die Aufgabe, zur Friedenssicherung auf dem Kontinent beizutragen. Heute wäre es die vordringlichste Aufgabe, die EU von einem Vorschriften- und Verordnungsmoloch, der von den Bürgern abgehoben agiert, hin zu einer Bürgerunion weiterzuentwickeln. So kann es z. B. nicht logisch sein, dass sich die EU mit einer Saatgutverordnung beschäftigt, die die großen Saatgutfirmen bevorzugt und den kleinen Produzenten und den Bauern einen Nachbau nahezu unmöglich macht. Dies führt zu einer Sorten- und Artenverarmung von gigantischem Ausmaß. Vernünftige Kleinerzeugerregelungen mit Berücksichtigung der regionalen Gegebenheiten würden zur Vielfalt in Europa beitragen."

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