Ukraine-Wahl - Ukrainer über Erfolg von Maidan uneinig

Kiew (APA) - Die ukrainische Revolution vom Unabhängigkeitsplatz Maidan wollte Schluss machen mit Korruption, dem Machtmonopol des gestürzte...

Kiew (APA) - Die ukrainische Revolution vom Unabhängigkeitsplatz Maidan wollte Schluss machen mit Korruption, dem Machtmonopol des gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch, und den Weg Richtung Demokratie, Europa und vor allem einem besseren Leben beschreiten. Eine neue, starke Führungsperson unter den Protestteilnehmern und klare Botschaften brachte der Maidan aber nicht hervor.

Am heutigen Sonntag wird einer neuer Präsident gewählt. Sticker, die kurz vor der Wahl am Maidan aufgetaucht sind, fordern alle zur einer Wahlteilnahme auf. Über den Erfolg des Maidan selbst zeigen sich die Ukrainer vor der Wahl aber uneinig.

„Die Revolution ist das beste, was passieren konnte. Janukowitsch war so schlecht. Ich hoffe, dass es einen Maidan auch für Russland geben kann. Die Russen sind gute Leute, aber von (Präsident Wladimir, Anm.) Putins Propaganda so verblendet“, sagt ein Techniker im Gespräch mit der APA. Den in Umfragen führenden Kandidaten vor der Präsidentschaftswahl am heutigen Sonntag Petro (Pjotr) Poroschenko sieht er als „Zukunft“, die in Umfragen weit abgeschlagene Julia Timoschenko als „Vergangenheit“. Poroschenko sei noch der beste unter den 21 Kandidaten.

„Wir leben alle noch in der Sowjetzeit“, meint er bezüglich Poroschenko, der wiederum einer der Oligarchen ist, die das Land seit Jahren regieren. Poroschenko wir zum „alten System“ gezählt, als Minister hatte er wiederholt das politische Lager gewechselt. Und einen weiteren negativen Beigeschmack hat die Revolution für den ehemaligen Armeeangehörigen: „Es ist Krieg. Ich warte jeden Tag, ob ein Einrückungsbefehl in der Post ist.“

„Für mich ist der Maidan ein Erfolg. Natürlich war ich dabei, wir waren alle dort. Ich habe aber Freunde, die immer noch sagen, das war alles falsch, wir haben die Ziele nicht erreicht“, sagt Vadym. „Es geht immer um einen Systemwechsel. Aber Janukowitsch ist weg, das wurde erreicht. Niemand hat mehr das politische Monopol.“

Es gehe um die Richtung, nicht um die Person, meint Alex. „Poroschenko ist pro-europäisch. Wenn er enttäuscht oder sein Amt missbraucht, dann kommt es zu einem neuen Maidan. Die Ukrainer haben sich verändert. Im sowjet-geprägten Oligarchensystem hatten junge Leute keine Chance, in der Politik aufzusteigen“, so Alex. „Der Maidan war eine Revolution der Würde, kein Diebstahl, keine Vergewaltigungen, dort haben wir in die Augen von freien Leuten ohne Angst geblickt.“

Manche Ukrainer sind bei der Bewertung der Entwicklungen in der Ukraine noch unentschlossen. „Wir wissen noch nicht, was wir von der Revolution halten sollen, wir wissen noch nicht, was raus kommen wird“, zeigt sich ein Paar skeptisch. „Wir wollen zur Wahl gehen, aber wir wissen noch nicht, wen wir wählen sollen.“

Laut Umfragen wusste etwa jeder vierte Ukrainer wenige Tage vor der Wahl noch nicht, wen er wählen soll. Etwa jeder Zehnte wollte überhaupt nicht zur Wahl gehen. Dieser Prozentsatz ist im Süden und in dem von Gewalt überschatteten Osten natürlich besonders hoch. Die Ukrainer im Osten zeigen sich verängstigt und auch verärgert, weil sie mit dem aus Donezk stammenden Janukowitsch ihren Präsidenten verloren haben.

Ein junger Polizist interessiert sich mehr für das Einkommen und das Leben im Ausland als für die Wahl. Seinen Job hat er aufgeben, weil er nicht auf seine Landsleute schießen will, erzählt er. „Zwei Provokateure haben in den Februar-Revolutionstagen begonnen auf uns zu schießen, dann ging‘s los. Wir hatten Befehl, den Protest friedlich aufzulösen.“

Bei Schusswechseln und Gewalt auf dem Maidan waren mehr als Hundert Menschen gestorben. Die Einschusslöcher in Metallpfeilern sind immer noch zu sehen. Der Maidan wurde zur Gedenkstätte. „Ich hatte noch keinen fixen Vertrag (bei der Polizei, Anm.), die mit einem fixen Vertrag können nicht einfach gehen“, erklärt der junge Mann.

„Wir sind glücklich über den Maidan, nur hat unser Geld wieder an Wert verloren“, meint eine Gruppe von Freunden. „Ja, wir wollen wählen gehen. Manche können aber nicht zur Wahl gehen, sie leben im Osten. Vielleicht kommt es dort zu Gewalt, du weißt nie was Putin machen wird“. Ein Mann von der Krim ergänzt: „Ich konnte mir Dokumente besorgen, um in Kiew zu wählen“.

Die Meinungen über Poroschenko gehen in der Gruppe auseinander. Manche unterstützen ihn und rechnen mit seinem Sieg, für andere ist er aus dem „alten System“. „Wir unterstützen den europäischen Weg, sind aber enttäuscht von der EU. Wir wollen ein Mitglied der EU sein, für eine bessere Wirtschaft und weniger Korruption. Wir sind bereit für die Demokratie, mehr als die Hälfte der Ukrainer ist modern, die alten Leute sind tot. Junge Leute erinnern sich nicht mehr an die Sowjetunion.“

„Nein, die Revolution war nicht erfolgreich, das Leben hat sich nicht verbessert, wir hatten höhere Erwartungen“, sagt ein Lehrer. „Der Maidan war schlecht organisiert, es wären nie so viele Menschen gestorben, wenn sie den Widerstand anders, besser geplant hätten. Ohne gute Organisation ist auch eine neue Führungsfiguren schwer zu finden.“

„Jeder versuchte am Maidan seinen Beitrag zu leisten, so gut er konnte. Ich habe dort dem Widerstand mit Essen und Dingen des Alltags geholfen. Wir haben viele Leute und Organisationen, auch im Ausland, kontaktiert, und um konkrete Hilfe gefragt. Die Briefe wurden aber nicht einmal beantwortet. Wir haben versucht mit der Polizei vor Ort zu reden, um Gewalt am Maidan zu verhindern, aber das haben sie nicht gewollt. Die mit der Polizei sprechen wollten, wurden geschlagen. Ich denke, sie hatten Angst. Ich habe auch mit den Ärzten zusammengearbeitet. Ich bin gegen Krieg. Ich wollte nicht kämpfen.“

Gewonnen hat am Maidan der ukrainische Patriotismus. Fahnen dominieren auch Monate danach vor der Wahl nicht nur den Platz, sondern setzen ihr Zeichen auch von Balkonen und Fenstern der Plattenbauten. Aber auch kleine Symbole, wie ein gelb-blau lackierter Fingernagel einer Frau zeugen vom gewachsenen Nationalstolz. Auf dem während der Revolutionstage ausgebrannten alten Gewerkschaftsgebäude am Maidan wurde am Tag vor der Wahl ein mehrere Quadratmeter großes Plakat angebracht: „Ruhm der Ukraine! Unseren Helden Ruhm!“.