„Carmen“-Premiere spaltete das Publikum im Linzer Musiktheater

Linz (APA) - Gespalten reagierte das Premierenpublikum Samstagabend auf die neue „Carmen“-Inszenierung am Linzer Musiktheater. Das Leading-T...

Linz (APA) - Gespalten reagierte das Premierenpublikum Samstagabend auf die neue „Carmen“-Inszenierung am Linzer Musiktheater. Das Leading-Team der Produktion empfing bei seinem Schlussauftritt ein kräftiger Buh-Orkan, der als Reaktion Bravo-Rufe der „Gegenseite“ provozierte. Einhelligen Jubel gab es für die musikalische Qualität des Abends, besonders für die Sängerinnen der Carmen und der Micaela.

Regie (Elmar Goerden) und Bühnenbild (Ulf Stengel, Silvia Merlo) transferierten den Schauplatz der Bizet-Oper laut eigenen Angaben in die Lebenswelt von Slumbewohnern in einem von ihnen besetzten Hochhaus. Die Bühne zeigte freilich nur ein niedriges, mit allerlei Gerümpel dekoriertes Kellergeschoß und darüber ein weitaus höheres aber leeres Obergeschoß.

Alle vier Akte, die sich eigentlich an verschiedenen Orten abspielen, wurden in dieser trostlosen Umgebung dargeboten. Eine Sparvorgabe des Hauses, nachdem auch die jüngste „Fledermaus“ im Linzer Musiktheater in einem einzigen Bühnenbild gespielt wurde? In dem engen Ambiente tummelt sich eine Hundertschaft von Soldaten, Kindern und sonstigem Volk - optisch allerdings keine Slumbewohner, sondern eher ausgeflippte Hippies, aus dem Kleiderfundus von Laura Clausen gewandet.

Als einzige sticht die Figur der Carmen als schwarz kostümiertes, grell geschminktes Rock-Punk-Girl aus diesem bunten Treiben. Warum, so fragt man sich, fliegen alle Männer auf sie und erliegt auch Don Jose dem „Liebreiz“ dieser Frau? Es kann nur an ihrer Stimme liegen. Katerina Hebelkova singt die Titelpartie mit sinnlichem Mezzo, leidenschaftlich und ist auch in der Darstellung authentisch bis in Details der Regievorgabe.

Warum aber lacht sich diese Wildkatze ausgerechnet den verklemmten Don Jose an? Pedro Velazques Diaz stemmt sich geschickt durch die enormen Anforderungen seiner Partie. Myung Joo Lee wurde als berührend agierende und brillant singende Micaela zu Recht bejubelt.

Als Escamillo mangelte es Seho Chang zwar an stimmlicher Tiefe, die er jedoch mit männlicher Präsenz und mit LED-Lichtern bestücktem Jackett überspielte. Dagegen hatte Don Jose eben keine Chance. Die übrigen Partien sind gut besetzt und waren gesanglich zufriedenstellend. Stimmkräftig und aktionsfreudig waren Chor und Extrachor des Landestheaters am Werk, voll Begeisterung sang und agierte der Kinderchor.

Eine Reihe unsinniger Regie-“Einfälle“ - Personen, die ohne Bezug zum Werk über die Bühne schlurfen, oder nahe am Operetten-Klamauk schrammende Gags - kann den insgesamt sehr guten musikalischen Eindruck dieser Produktion nicht beeinträchtigen. Daran hatte nicht zuletzt das inspiriert und tadellos musizierende Linzer Bruckner Orchester, motiviert durch Dirigent Daniel Linton-France, wesentlichen und heftig akklamierten Anteil.

(S E R V I C E - „Carmen“, Oper von Georges Bizet; musikalische Leitung: Daniel Linton-France, Marc Reibel und Daniel Spaw, Inszenierung: Elmar Goerden, Bühne: Ulf Stengl und Silvia Merlo, Kostüme: Laura Clausen, Chorleitung: Georg Leopold, Leitung Kinder- und Jugendchor: Ursula Wincor, Dramaturgie: Thomas Barthol; mit Bernadett Fodor/Katerina Hebelkova (Carmen, Zigeunerin), Marcelo Puente/Pedro Velazquez Diaz (Don Jose), Martin Achrainer/Seho Chang (Escamillo, Toreador), Jacques le Roux/Matthäus Schmidlechner (Dancairo, Schmuggler), Iurie Ciobanu/Sven Hjörleifsson (Remendado, Schmuggler), Franz Binder/Ulf Bunde (Morales, Sergeant), Nikolai Galkin/Dominik Nekel (Zuniga, Leutnant), Myung Joo Lee/Mari Moriya (Micaela, ein Bauernmädchen), Elisabeth Breuer/Gotho Griesmeier (Frasquita, Zigeunerin), Martha Hirschmann/Inna Savchenko (Mercedes, Zigeunerin); im Großen Saal des Linzer Musiktheaters; weitere Vorstellungen u.a. am 2., 10., 13., 15. 17. und 30. Juni; Kartenservice-Tel.: 0800/218000 oder aus dem Ausland: +43/732/7611400; www.landestheater-linz.at; mailto:kassa@landestheater-linz.at)