Ukraine - Schauplatz Wahllokal „Kiewer Klassenzimmer wählt Präsident“

Kiew (APA) - Die Hand auf der Brust, der Blick ernst, um Punkt 08:00 Uhr hat das Kiewer Wahllokal in der Olhynska Straße wenige Gehminuten v...

Kiew (APA) - Die Hand auf der Brust, der Blick ernst, um Punkt 08:00 Uhr hat das Kiewer Wahllokal in der Olhynska Straße wenige Gehminuten vom Unabhängigkeitsplatz Maidan mit dem Singen der Nationalhymne geöffnet. Ein Dutzend Wähler strömt in das Klassenzimmer im ersten Stock der Schule, die für den heutigen Sonntag zum Wahllokal umfunktioniert wurde. Auch hier gilt es einen neuen Präsidenten zu bestimmen.

Landesweit sind rund 33.000 Wahllokale eingerichtet. In den gläsernen Urnen werden die ersten ausgefüllten langen Bögen geworfen, für die Präsidentenwahl haben sich insgesamt 21 Kandidaten aufgestellt. (Petro, Anm.) „Poroschenko“ ist auf einem der Stimmzettel angekreuzt. Die Hand eines alten Mannes zittert beim Einwerfen, er hat seinen Bogen mehrmals zusammengefaltet. Immer wieder blitzt es, und das Hündchen einer Frau posiert artig. Zahlreiche Kamerateams und Fotografen dokumentieren die Abstimmung ab der ersten Minute.

„Ich wähle (Petro, Anm.) Poroschenko, er ist noch der beste unter den Kandidaten“, sagt Dimitri. Ob der Oligarch die vielen Herausforderungen meistern kann, vor denen das Land steht? „Wir müssen das selbst machen“, plädiert Dmitri für Eigeninitiative. „Aber das braucht Zeit, dass junge Führungsfiguren auch aus dem Volk kommen. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob wir Richtung Europäische Union gehen können.“

Der mit Süßwaren reich gewordene Oligarch Poroschenko führt in Umfragen mit 30 bis mehr als 50 Prozent klar vor Julia Timoschenko, die abgeschlagen auf Platz zwei mit um die zehn Prozent rangiert, und dem ehemalige Zentralbanker Sergej Tigipko, den Umfragen bei unter zehn Prozent sehen.

„Mir gefällt Tigipko, er weiß mit Finanzen umzugehen. Poroschenko hat Verstand, er kann Englisch und gut reden, aber ich weiß nicht, ob das Geld auch zu den Leuten kommt“, meint Natalia. „Tigipko kann die Wirtschaft retten, das ist da Wichtigste“, stimmt eine energische Dame, beim Verlassen des Wahllokals zu.

„Mir gefällt (Olga, Anm.) Bogomalez, vielleicht weil mir die Frauen gefallen“, grinst ein Mann vom Sicherheitsdienst. Die populäre Ärztin tritt als unabhängige Kandidatin an.

Zehntausende Polizisten sind zum Wahlschutz am Sonntag im Einsatz. Russische Provokationen werden vor allem im Osten befürchtet. In zwei Drittel der Bezirkswahlkommissionen in den gewaltüberschatteten Regionen konnte die Wahl aus Sicherheitsgründen nicht abgehalten werden. Auch auf der von Russland annektierten Schwarzmeerhalbinsel Krim findet die Wahl nicht statt. Bewohner konnten im Vorfeld ihre Meldeadresse ändern, und an anderen Orten abstimmen, was jedoch nur sehr wenige auf sich nahmen.

Fünf Wahlkabinen mit dünnen halbdurchsichtigen Stoffvorhängen sind im Klassenzimmer aufgestellt, wer will kann einen Blick auf die Leute beim Ankreuzen ihrer Stimmzettel erhaschen. Die etwa zehn Wahlmitarbeiter sitzen vor langen Namenslisten, 1.843 Wähler sind in dem Wahllokal registriert. In manchen der mehr als ein Tausend Wahllokale in Kiew sind es fast 2.500 Wähler.

Eine halbe Stunde quietschen nun schon die Flip-Flops des jungen Mannes, endlich nach langem Warten wurde auch sein Name auf einer der Listen entdeckt. „Ich bin gerade erst hergezogen“, zeigt er sich verständnisvoll.

Auf den kleinen Kindersesseln sitzen heute die Beobachter der Teams der Kandidaten. Früher waren es zwölf pro Wahllokal, diesmal sind es nur neun. Aufmerksam schreiten sie das Wahllokal immer wieder auf und ab. Sogar der Name und die Herkunft der Journalistin mit der sie gerade geplaudert hat, wird von einer stark geschminkten älteren Beobachterin notiert. Dann springt sie auf und tuschelt mit einem der Wahlmitarbeiter, emsig auf die Listen deutend.

„Ich denke, die Beobachter der Kandidatenteams sind von diesen bezahlt. Aber solange sie sich nicht einmischen, stört mich das nicht“, kommentiert ein Mann gegenüber der APA. Nachgefragt meint eine Beobachterin, „nein, ich bekomme kein Geld“.

Vier lange Bögen gilt es an diesem Sonntag für die Wähler auszufüllen. Einen für die Präsidentenwahl, einen für den Bürgermeister und zwei für den Stadtrat, davon einer für die Partei, der andere für den individuellen Kandidaten. Box-Champion Vitali Klitschko führt Umfragen zur Bürgermeister-Wahl in Kiew an, der Chef der Stadtverwaltung hat jedoch mehr Entscheidungsgewalt. In mehreren Städten der Ukraine wurde am Sonntag auch der Bürgermeister bestimmt.

„Wo wollen sie denn hin?“, schnappt eine Wahlhelferin einen älterer Mann, der auf der Suche nach den Wahlurnen mit seinem Stimmzetteln in der Hand Richtung Ausgang zusteuert. Die versiegelten Urnen beginnen sich zu füllen. Zwei Augen eines Wahlmitarbeiters haben sie gut im Blick. Im Vorfeld der Wahl hatte es scherzhaft geheißen, eine Person sei extra dazu bestimmt, die Schlitze der Urnen zuzuhalten, falls plötzlich das Licht ausgeht.

Die ukrainische Fahne steht im Klassenzimmer, ein kleines Mädchen lächelt verschmitzt in ukrainischer Tracht neben ihrem Vater in die Kamera eines Fotografen. Bei dem ruhigen Ablauf in dem Klassenzimmer mag kaum einer an Wahlfälschungen denken. Die internationale Anerkennung dieser Wahl ist entscheidend. In der Vergangenheit waren die ukrainischen Wahlen immer wieder kritisiert worden.

„Die Frage ist, was passiert mit den Stimmen der Leute, die heute nicht herkommen? Wenn jemand die Wahl fälschen will, dann so. Die Namen werden von der Liste abgehakt und jemand von den Wahlmitarbeitern füllt den Stimmzettel aus“, gibt ein Ukrainer zu bedenken. „In der Vergangenheit haben sie das gemacht, die Leute sind von Politikern oder Geschäftsmännern bestochen worden.“

Kurz kommt im ruhigen Schulzimmer Aufregung auf: Zehn Männer in Uniform strömen ins Wahllokal. Sie gehören zum Protestlager auf dem Maidan, in dem seit Monaten Präsenz gezeigt wird. Die dort ausharren, sind sich in ihren Präferenzen für den neuen Präsidenten uneinig. Poroschenko wird ebenso genannt wie Bogomalez und Oleg Tjagnibok, Chef der rechtsnationalen Swoboda-Partei und einer der Anführer der Proteste. Für die Bewohner des Camps, die aus dem ganzen Land kommen, wurde die Möglichkeit geschaffen, ihre Stimme in dem Wahllokal am Maidan abzugeben.

Aber nicht alle machen davon Gebrauch. Halb nackt liegt ein junger Mann in einem der auf dem Platz errichteten Zelte. „Ich gehe nicht wählen, ich mag keinen der Kandidaten“, meint er gelangweilt. Aufgewühlt beginnt ein Mann mit Aktentasche neben ihm über die Kandidaten zu schimpfen.

„Nur noch 15 Prozent der Leute auf dem Maidan, sind die, die auch an den Revolutionstagen da waren. Der Rest ist ohne Arbeit und Job. Hier werden sie mit Essen und Zigaretten versorgt“, zeigt ein Kiewer auch auf eine der Spendenboxen, die überall stehen. Ernster Nachsatz: „Dass sie gehen, wird nicht leicht, sie sind bewaffnet“.

Feuchte Tränen rinnen beim Anblick der Gedenkbilder, der mehr als Hundert auf dem Maidan im Zuge der Revolution Getöteten, über ihre Wangen. „Ja“, sagt die blonde Frau, „ich habe schon gewählt, und zwar für Poroschenko, er weiß, das Richtige für das Land zu tun“.“Ich bin für Poroschenko“, meint auch eine Verkäuferin, die, in den gelb-blauen Nationalfarben gekleidet, Magneten am Maidan verkauft, zustimmend.

„Ich hoffe wir haben schon eine Entscheidung im ersten Wahlgang und viele Leute kommen wählen“, geht ein Mann mit seinem Hund im Sonnenschein vorbei. Dem Oligarchen Poroschenko könnte das laut Umfragen knapp gelingen.