„An solche Gewalt nicht gewohnt“ - Belgien wählt und trauert

Brüssel (APA/dpa) - Nach dem Anschlag im Jüdischen Museum in Brüssel fragen sich die Belgier: Warum? Doch Antworten gibt es zunächst wenige....

Brüssel (APA/dpa) - Nach dem Anschlag im Jüdischen Museum in Brüssel fragen sich die Belgier: Warum? Doch Antworten gibt es zunächst wenige. Einige haben eine Attacke dieser Art kommen sehen. Elio Di Rupo sitzt im riesigen Sitzungssaal eines Brüsseler Justizgebäudes. „Die belgische Regierung ist tief schockiert über dieses Drama. Wir verurteilen diese Gewalttat“, meint der Premierminister mit stockender Stimme.

Wochenlang ist der 62-Jährige Sozialist durchs Land gezogen und hat Wahlkampf gemacht. Doch als am Sonntag um 08.00 Uhr die Lokale für die Parlaments-, Regional- und Europawahlen öffnen, sprechen die Bürger in der Warteschlange nicht über Politik, nicht über den Streit zwischen reichen Flamen und den ärmeren Wallonen, sondern über den Anschlag auf das Jüdische Museum in der Hauptstadt Brüssel mit drei Toten. Zwei von ihnen waren israelische Touristen. Ein verletzter Mann schwebte in Lebensgefahr.

Die Attacke ist zwar beispiellos, aber manche haben es kommen sehen. „Was passiert ist, war vorhersehbar“, sagt Joël Rubinfeld, Vorsitzender der belgischen Liga gegen Antisemitismus. „In den vergangenen Jahren hat es eine Befreiung des antisemitischen Wortes gegeben.“

Das Jüdische Museum liegt im beliebten und schicken Teil der Innenstadt. Es gibt Straßen mit Kopfsteinpflaster und Antiquitäten- und Pralinengeschäfte. Zur Tatzeit am Samstagabend sind zahlreiche Besucher bei einem Jazz-Festival in der Nähe, Menschen sitzen auf Café-Terrassen und genießen die Frühlingsonne.

Kurz vor 16.00 Uhr sind mehrere Schüsse zu hören, berichten Augenzeugen. Auch Außenminister Didier Reynders ist zufällig in der Nähe, seine Behörde ist nicht weit entfernt. Der liberale Spitzenpolitiker ist schockiert. „Ich bin zu dem Museum gelaufen und habe im Eingang zwei Menschen liegen sehen“, berichtet er der Nachrichtenagentur dpa. „Ich habe die Rettungsdienste und die Polizei angerufen.“

Rasch versperren große Polizeibusse die Straße. Ermittler nehmen die Arbeit auf und suchen nach Spuren. Innenministerin Joëlle Milquet hält vor der Absperrung eine improvisierte Pressekonferenz ab.

„Es ist nicht so, als wäre noch nie etwas vorgefallen“, meint Viviane Teitelbaum, die für die Liberalen im Brüsseler Regionalparlament sitzt. Sie will aber den Anschlag nicht kommentierten, da Einzelheiten fehlten. Ihre Kinder hätten in der Jüdischen Schule gelernt, wie sie sich bei Angriffen verhalten müssten.

Angesichts spärlicher Informationen sind auch die Spitzenpolitiker vorsichtig. Doch für Interessierte unweit des Tatorts ist rasch klar, dass es sich um einen gezielten antisemitischen Anschlag handelt. Es werden rasch Parallelen zu Mohamed Merah gezogen, der im März 2012 drei jüdische Schüler und einen Lehrer vor einer Schule im französischen Toulouse erschossen hatte.

Und dann gibt es Trauer. Tiefe Trauer auch darüber, dass ein tolerantes Zusammenleben verschiedener Konfessionen dauerhaft gestört ist. „Belgien ist ein friedvolles Land“, meint die sozialistische Politikerin Simone Susskind unweit des Museums. Sie ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Brüssel. „Solch eine Gewalt sind wir nicht gewohnt.“