Ukraine-Wahl - Ansturm auf Wahllokale in allen Stadtteilen Kiews

Kiew (APA) - Vor dem Wahllokal 800640 in der Frunse-Straße im zentralen Kiewer Stadtteil Podil (Podol) warten am Vormittag zwei Dutzend Bürg...

Kiew (APA) - Vor dem Wahllokal 800640 in der Frunse-Straße im zentralen Kiewer Stadtteil Podil (Podol) warten am Vormittag zwei Dutzend Bürger auf Einlass. Aber insbesondere drinnen geht es hektisch zu: „Herr Vorsitzender! An diesem Tisch geht nichts weiter und wir warten!“, ruft eine ältere Dame.

Es ist nicht nur der Andrang, der hier - so lokale Beobachter - für diese Wartezeit verantwortlich ist: An diesem Sonntag finden nicht nur die Präsidentschaftswahl statt: In Kiew und zahlreichen anderen Städten der Ukraine werden auch Bürgermeister und Lokalparlamente gewählt. In Kiew müssen vier komplexe Wahlzettel ausgegeben und an den betreffenden Stellen angekreuzt werden.

Die Wahlzettel werden hier anschließend in völlig transparente Urnen geworfen. Bei genauem Hinsehen können einigen Stimmen gezählt werden. Der favorisierte Präsidentschaftskandidat Petro (Pjotr) Poroschenko dürfte auch im Stadtteil Podil (Podol) zumindest gut abschneiden.

Neben alteingesessenen Bewohnern, die bisweilen einen merkwürdigen russischen Slang sprechen, sind in den vergangenen Jahren gerade aber zahlreiche Künstler und Vertreter der Kreativwirtschaft in den zunehmend hippen Stadtteil Podil gezogen. Diese mieten in der Regel Wohnungen und sind in Ermangelung einer formalen Registrierung oftmals nicht am Wohnort wahlberechtigt.

Michailo aus dem ostukrainischen Charkiw (Charkow) ist einer von ihnen. Der DJ und Programmierer, der nahe der Frunse-Straße wohnt, hatte vergeblich versucht, sich als Wähler von Charkiw auf Kiew ummelden zu lassen: Die zuständigen Ämter waren wegen des Ansturms von Ummeldeinteressierten heillos überfordert - es gab stundenlange Warteschlangen. Letztlich sah Michailo nur eine Möglichkeit: Er setzte sich am Sonntag um 6.00 Uhr früh in den Zug nach Charkiw, um dort seine Stimme abzugeben. Die Zugfahrt dauert etwa fünf Stunden. Nicht an diesen Präsidentschaftswahlen teilzunehmen stand für den Maidan-Teilnehmer, so erklärte er gegenüber der APA, nicht zur Debatte.

Echos des Maidan finden sich aber auch am nördlichen Stadtrand von Kiew. In der Mittelschule 270, die sich inmitten des legendären Plattenbauviertel Trojeschtschyna befindet, sind gleich drei Wahllokale untergebracht - knapp 7.000 Kiewer sind hier wahlberechtigt. Eine Gedenktafel, die erst am Freitag montiert worden war, sorgt am Eingang für Aufmerksamkeit. „Hier ging der Held der himmlischen Hundertschaft Wjatscheslaw Weremij zur Schule“, steht zu lesen. Die Rede ist vom Journalisten Weremij, der am 19. Februar - so weiß hier jeder - im Zentrum von Kiew erschossen worden war.

Im Widerspruch zu seinem verschlafenen Image war das Plattenbauviertel zuletzt auch deutlich politisch in Erscheinung getreten. Anfang Dezember 2013 hatten Bewohner mit dem berühmt gewordenen Plakat „Wijta (Viktor Janukowitsch, Anm.) - mach‘ Trojeschtschyna nicht bös!“ am Maidan demonstriert. Von einem neuen politischen Bewusstsein, das in seinem Viertel für eine deutlich höhere Wahlbeteiligung sorgen würde, erzählt auch ein jüngerer Wähler der APA. Die Vorsitzende einer der Wahlkommissionen im Schulgebäude hofft auf 80 Prozent. Trotz des massiven Ansturms verläuft aber alles in geordneten Bahnen und friedlich. Von paramilitärischen Bürgerwehren, die - so war im Vorfeld befürchtet worden - theoretisch Druck auf Wähler ausüben könnten, gibt es absolut keine Spur.

Wirkliche Probleme konnten am späteren Vormittag hingegen im Wahllokal 800588 in der zentralen Hruschewsky-Straße beobachtet werden. Kandidat Petro Poroschenko hat in einem Nachbarhaus ihren offiziellen Wohnsitz und mehr als 100 Journalisten und Dutzende Fernsehkameras hatten das Wahllokal eine Stunde lang besetzt. „Ermöglichen Sie doch einen normalen Verlauf der Wahlen“ ermahnte der Vorsitzende der lokalen Wahlkommission wiederholt Journalisten.

Poroschenko mit Familie kam schließlich mit deutlicher Verspätung. Einige ältere Wähler konnten sich nur mit einem Sprung zur Seite vor den anstürmenden Sicherheitsleuten und Journalisten retten. Sie erwarte sich Frieden und Gerechtigkeit, erklärte eine Pensionistin, die diesem Treiben gerade entkommen war: „Wissen Sie - die Hoffnung stirbt zuletzt. Wenn es mit dem Wahlsieger nicht funktioniert, dann werden wir ein Amtsenthebungsverfahren einleiten“, sagte sie kämpferisch.