Krim-Scholle im Palast - Putin sucht Kontakt in Krisenzeiten

Kiew (APA/AFP) - Als Kremlchef Wladimir Putin ausgerechnet gedünstete Krim-Scholle als Hauptgang servieren lässt, ist die Annexion der Schwa...

Kiew (APA/AFP) - Als Kremlchef Wladimir Putin ausgerechnet gedünstete Krim-Scholle als Hauptgang servieren lässt, ist die Annexion der Schwarzmeerhalbinsel Krim als Thema schon abgehakt. „Die Krim ist Teil der Russischen Föderation“, sagt der 61-Jährige bei einem Bankett mit Journalisten der weltgrößten Nachrichtenagenturen, darunter die dpa.

Beim Treffen im prunkvollen Konstantinpalast nahe seiner Heimatstadt St. Petersburg will Putin vor allem eins - wie insgesamt auf dem in der Stadt tagenden Wirtschaftsforum: wieder mit dem Westen ins Gespräch kommen, Vertrauen bilden.

Zuletzt empfing Zar Putin hier beim G20-Gipfel im September unter anderem Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama. Doch seitdem hat sich die Welt verändert, grenzt der Westen Russland wegen der Ukraine-Krise aus. Klein beigeben will Putin deshalb aber nicht.

„Wir sehen uns im Recht“, betont er fast trotzig bei dem im Staatsfernsehen übertragenen Treffen. Dass die ausländischen Journalisten angereist sind, um den Präsidenten zu treffen, soll den Zuschauern beweisen: Russland ist trotz der Sanktionen des Westens nicht isoliert. Und Putin nutzt die Bühne.

Er sieht einen „Informationskrieg“ im Gange gegen Russland. Dass er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nun ein neues Imperium errichten wolle, tut er als „politisches Klischee“ ab. „Das trifft nicht zu!“ Auch die an diesem Donnerstag (29. Mai) offiziell geplante Gründung einer Eurasischen Wirtschaftsunion mit den autoritär geführten Ex-Sowjetrepubliken Weißrussland und Kasachstan sei nur der Versuch, „Integrationsprozesse“ voranzutreiben, Vorteile einer ökonomischen Zusammenarbeit zu nutzen.

„Niemand will einen neuen Kalten Krieg“, sagt Putin in dem immerhin mehr als zweistündigen Beisammensein. Der Krim-Anschluss sei nicht geplant gewesen, sondern eine Reaktion auf den „verfassungswidrigen Umsturz“ im Februar in der Ukraine, den Putin für inszeniert hält - und zwar von den USA. Ein Angriff auch auf die Sicherheitsinteressen Russlands. Er wirft denen, die die Revolution angezettelt hätten, schwere Fehler vor. Sie hätten die schlimmen Folgen nicht abgesehen.

Dass Russland sich nun international in der Ukraine-Krise als „Monster“ an den Pranger gestellt und er selbst sich zuweilen mit Hitler verglichen sieht, hält Putin für „nicht hinnehmbar“. Bei Champagner und Kaviar macht der frühere Geheimdienstchef deutlich, dass er nicht mit einem raschen Ende des Konfliktes rechnet.

Was er dafür tun kann oder will, um die Lage zu entspannen? Er fordert weiter den Dialog zwischen der neuen Führung in Kiew und den Separatisten in der Ostukraine. So richtig anerkennen mag er die Präsidentenwahl in der Ukraine zwar nicht. Trotzdem will er mit dem neuen Staatschef - einer „Übergangsfigur“ - zusammenarbeiten.

Putin gibt sich insgesamt zugänglich - erstmals seit längerem wieder im Kreis von Gästen aus aller Welt. Sein Dialogangebot steht ebenso für seinen Besuch Anfang Juni in der Normandie. Frankreichs Staatschef François Hollande hat ihn zum 70. Jahrestag des Weltkriegsgedenkens eingeladen. Dort sehen sich erstmals seit dem G20-Treffen auch Obama und Putin wieder. Ob Gespräche mit Merkel und anderen Gästen geplant sind? Er sei für alles offen, betont Putin, der Merkel auf eine Frage der dpa als „sachliche“ Partnerin lobt.

Es sind ruhige Töne, die Putin nach Monaten der Konfrontation anschlägt. Auch die Wirtschaftsbosse beim Forum verlangen von ihm Berechenbarkeit, damit die politische Unsicherheit nicht weiter Investoren abschreckt.

Russland sieht der Kremlchef als Teil Europas und Asiens und will mit „umweltfreundlichem Gas“ weiter zur Energiesicherheit in der EU sowie künftig auch verstärkt in China betragen. Der Rohstoff werde für alle und für Jahrzehnte reichen, beteuert er.

Putins Tour d‘Horizon im Palast soll Signale der Entspannung senden. Der Kreml - eine kleine Überraschung - hat nach Kritik den umstrittenen Passus „Russland ist nicht Europa“ aus den Leitlinien für die neue Kulturpolitik des Riesenreiches streichen lassen. Es gebe viele konservative Hardliner im Machtapparat, ist zu hören - von denen komme so etwas. Zu ihnen will sich Putin nicht zählen.

Die Gespräche drehen sich um christliche Werte und Moral, die starke Rolle der russisch-orthodoxen Kirche, die nach dem Wegfall der kommunistischen Ideologie den Menschen Orientierung geben soll. Dass Funktionäre wie der Staatsbahn-Chef Wladimir Jakunin unlängst in Deutschland dem Westen einen „Ethno-Faschismus“ und Werteverfall vorwerfen, hält Putin für übertrieben.

Jakunin hatte sich über den Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest empört - ein Mann in Frauenkleidern mit Bart. Putin will anders als mancher leidenschaftliche Funktionär darin nicht das Ende Europas sehen darin. Aber das Essen ist zu Ende. Putin verabschiedet sich nach dem Schoko-Dessert von jedem Gast einzeln. Er eilt zum Telefonat mit Kanzlerin Angela Merkel und seinem französischen Kollegen François Hollande.