Ukraine-Wahl - Menschen im Osten hoffen auf Normalität nach Wahlen

Kiew (APA) - Donezk wirkt an diesem Sonntag wie ausgestorben - „wie am 1. Jänner in der Früh“, sagt der Taxifahrer. Die meisten Stadtbewohne...

Kiew (APA) - Donezk wirkt an diesem Sonntag wie ausgestorben - „wie am 1. Jänner in der Früh“, sagt der Taxifahrer. Die meisten Stadtbewohner haben keinen Grund, außer Haus zu gehen: In der Bergbau-Metropole ist kein einziges Wahllokal geöffnet. Der separatistischen Bewegung ist es weitgehend gelungen, die Präsidentenwahl in den Bezirken Donezk und Lugansk (Luhansk) zu verhindern.

Nur am Donezker Leninplatz herrscht Hochbetrieb, die Anhänger der „Volksrepublik Donezk“ haben sich versammelt. Sie schwenken die Fahnen Russlands und der Sowjetunion. Milizen, die auf den Pritschen von drei Lastautos stehen, feuern Maschinen-Gewehrsalven in die Luft. „Bravo“ und „Helden“, skandieren begeistert die etwa 2.000 Versammelten. Die Bewaffneten seien notwendig, um die Menschen des Donezk-Becken zu beschützen, erklärt Denis Puschylin, einer Anführer der „Volksrepublik Donezk“ von der Bühne. „Wir wollen ja keinen Krieg, aber die Regierung in Kiew hat ihn uns aufgezwungen“.

Andere Redner sind weit radikaler. Die Angehörigen der Regierungs-Truppen, die im Bezirk unterwegs sind, gehörten alle aufgehängt, sagen sie und beschwören die „russische Welt“, die Europa weit überlegen sei: „Der europäische Mensch ist fett und verweichlicht“, tönt der Redner, die westliche Zivilisation sei im Niedergang begriffen. Demgegenüber finde Russland zu neuer Stärke: „Das Licht kommt aus dem Osten“, erklärt er - die Losung der Slawophilen schon im 19. Jahrhundert.

„Kiew führt Krieg gegen das eigene Volk, die ukrainische Regierung begeht einen Genozid am russischsprachigen Bevölkerungsteil“, erklärt Valeria Hennadiwna die harten Worte. Damit meint die Aktivistin der „Volksrepulik“ den Einsatz der Armee gegen die separatistischen Kämpfer. Dass auch in Kiew die meisten Menschen russisch sprechen, kann sie nicht von ihrer Meinung abbringen. Valera Hennadiwna verteilt Flugblätter und ruft die Menschen auf, Botschaften an die Regierung in eine stilisierte Wahlurne zu werfen. Das von Separatisten besetzte Slawjansk sei heute eine „Heldenstadt, Kiew dagegen eine Stadt des Moders“, schreibt eine Dame.

Noch am Samstag hatten Gerüchte die Runde gemacht, die Zentrale Wahlkommission werde die fünf Donezker Stimmbezirke an den Flughafen verlegen. Dort in der Nähe ist eine ukrainische Armee-Einheit stationiert, sie hätte die Wahl bewachen können. Der Bezirksgouverneur Serhij Taruta rief die Menschen auf, ihrer „Bürgerpflicht nachzukommen“. „Lasst Euch nicht provozieren und glaubt nur den offiziellen Bekanntmachungen“, heißt es in einer Erklärung von ihm. Doch nach Angaben des „Wähler-Kommitees der Ukraine“ von Sonntag in der Früh nahmen nur neun von normalerweise 22 Wahlbezirks-Kommissionen in der Region Donezk ihre Arbeit auf. Noch schlechter sieht es im Nachbarbezirk Lugansk aus. Es könne dort die Sicherheit der Wähler in nur zwei von zwölf Wahlbezirken garantieren, teilte das Innenministerium mit.

Wählen konnten die Menschen vor allem im Westen des Bezirks, nahe der Grenze zum Nachbarbezirk Dnipropetrowsk. In Krasnoarmejsk, einer Stadt mit 80.000 Einwohner, öffneten 21 von üblicherweise 22 Wahllokalen. Das ukrainische Freiwilligen-Batallion „Dnipro“, eine Sondereinheit der Polizei, bewacht die Bezirks-Wahlkommission im Rathaus, Männer mit Maschinengewehr ermöglichen den Bürgern die Stimmabgabe. Bis 11 Uhr Ortszeit waren die Wahllisten im zentralen Wahllokal im Kulturpalast allerdings noch weitgehend weiß, vielleicht zehn bis 15 Prozent der Wähler waren bis dahin erschienen. „Die Leute haben Angst, es könnte Anschläge geben“, sagt Alexej Worobjew, ein pensionierter Industriemechaniker und Mitglied der örtlichen Wahlkommission. Auch die Organisatoren fühlen sich bedroht: Viele Wahlkommissionen mussten immer wieder neue Mitglieder benennen, weil Teilnehmer absprangen.

Nach Einschätzung Alexej Worobjew würden die meisten Bürger von Krasnoarmejsk abstimmen, wenn sie sich sicher fühlten. „Die Menschen haben genug von der Unruhe im Land, von den ständigen Kämpfen, davon, dass sie ihre Pension nicht rechtzeitig ausbezahlt bekommen“, sagt er. Deshalb verlören die Separatisten langsam an Zustimmung. Ein älterer Herr, der seine Fahrrad an die Hausmauer lehnt, bevor er ins Wahllokal tritt, bestätigt das: „Er muss diese Banditen vernichten“, nennt er als wichtigste Aufgabe des neuen Präsidenten.

Aber weiteres Blutvergießen wollen in Krasnoarmejsk die wenigsten. „Wir kommen an Gesprächen, an denen alle beteiligt werden, nicht vorbei“, meint Nina Simonenko, eine medizinische Angestellte, die nach der Stimmabgabe auf dem Markt einkaufen geht. Wie die meisten in Krasnoarmejsk hat sie für Petro Poroschenko, den sogenannten Schokoladenkönig, gestimmt. Nicht, weil sie ihn für den besten Kandidaten hält, sondern „weil er vielleicht schon im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit bekommt und wir mit einem neuen Präsidenten zur Normalität zurückkehren“.