Landespolitik

Karlhofer sieht Regierungsbonus für Grün nicht

Eins zu eins umlegen lasse sich das Wahlergebnis auf die Landes- oder Stadtpolitik nicht, meint Politologe Ferdinand Karlhofer.

Inwieweit wirken sich die Landes- und die Stadtpolitik auf das Wahlergebnis aus?

Ferdinand Karlhofer: Also in Innsbruck haben die grünen einen Imagebonus. Das ist zumindest kein Nachteil. Die Wähler unterscheiden jedoch schon, auf welcher Ebene gewählt wird. Ob das nun Europa-, Nationalrats- oder Landtagswahlen sind. Das sieht man auch sehr deutlich am Ergebnis der ÖVP.

Die ÖVP hat sich in Tirol ein niedriges Wahlziel gesteckt und es erreicht. Kann die Partei zufrieden sein?

Karlhofer: Für die ÖVP hat es massive Verluste im Oberland gegeben. Aber sie ist die klare Nummer 1 im Land mit einem deutlichen Abstand zur zweitgrößten Partei. Da wird die Partei mit Sicherheit zufrieden sein und das Ergebnis als Erfolg werten.

Die Grünen lesen aus dem Ergebnis, dass ihre Wähler die Regierungsbeteiligung der Grünen im Land und auch in Innsbruck goutieren. Sehen Sie das auch so?

Karlhofer: So eindeutig würde ich das nicht interpretieren wollen. Da macht mich ein Vergleich sicher. Wenn das so wäre, dass sich das umlegen ließe, dann hätten SPÖ und ÖVP stärker verlieren müssen. Denn das Image der beiden Regierungsparteien ist im Keller, trotzdem wurden beide Partein gewählt.

Auch die FPÖ sieht im Wahlergebnis den Einfluss der Landes- bzw. Stadtpolitik.

Karlhofer: Wenn wir uns Einzelergebnisse anschauen, wie jenes in Gries am Brenner, wo die FPÖ massiv dazugewonnen hat, dann ist das eine punktuelle Geschichte. Die FPÖ hat sicher davon am meisten profitiert, dass die Wähler von Hans-Peter Martin auf dem Markt waren. Martin hatte vor allem EU-Kritiker angesprochen und dieses Segment ist zu den Freiheitlichen gewandert.

Noch ist nicht klar, wer tatsächlich auf dem vierten Platz landet. Die Wahlkarten sind noch nicht ausgezählt. Was hieße das für die SPÖ in Tirol, wenn sie von Grün und FPÖ überholt würde?

Karlhofer: Für die SPÖ ist das eine Zitterpartie. Wenn sie Platz 3 halten kann, dann kann die Partei zufrieden sein. Die SPÖ durchlebt eine schwere Krise und einen Flügelkampf. Beides will sie mit dem Parteitag und der Wahl eines neues Obmannes im Juni kalmieren. Wenn die Partei auf dem vierten Platz landet, schwebt ein Schatten über diesem Parteitag.

Lässt sich einschätzen, wem die niedrige Wahlbeteiligung am ehesten nützt?

Karlhofer: Das ist extrem schwer zu sagen. Seinen Protest könnte man auch kundtun, indem man wählt. Ich orte in Tirol eine große Distanz zur Wahl. Das liegt auch an den Themen wie der Verkehrsproblematik oder der Furcht vor dem Ausverkauf von Grund und Boden. Es mag auch sein, dass die Tiroler die hohen Lebenshaltungskosten mit der EU assoziieren. Da stellt sich eine gewisse Verdrossenheit ein.

Die Wahlbeteiligung in Tirol hinkt nicht nur bei den EU-Wahlen nach, sondern war auch bei den Nationalratswahlen schlecht. Sind wir Wahlmuffel?

Karlhofer: Die schlechte Wahlbeteiligung bei der EU-Wahl mag auch mit dem hohen Anteil an Deutschen, die in Tirol leben, aber vielleicht lieber zu Hause wählen, zu tun haben.

Das Gespräch führte Anita Heubacher

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