EU-Wahl in Tirol

Normalität hält Einzug bei den einstigen EU-Gegnern

Hoch am Berg gilt noch „schwarz geboren und schwarz gestorben“. Die ÖVP erreichte 74 Prozent.
© Helmut Mittermayr

In Kaisers ticken die Uhren nicht mehr anders – ganz zur Freude von BM Markus Lorenz, der genug von angeblich extremen Ausschlägen hat.

Von Helmut Mittermayr

Kaisers –Vor 20 Jahren war eine Gemeinde österreichweit „auffällig“ geworden. Kaisers hatte damals mit fast 90 Prozent den EU-Beitritt abgelehnt. Vier EU-Wahlen später ist von der ehemaligen Verweigerung nicht mehr viel übrig geblieben. Die Bewohner waren der normativen Kraft des Faktischen ausgesetzt, der Ort ist quasi „gewöhnlich“ geworden, was das Wahlverhalten betrifft. Eine niedrige Wahlbeteiligung von 41 Prozent; eine Alleinherrschaft der ÖVP mit 74 Prozent Zustimmung, die trotzdem Einbußen erleidet; Kleinparteien ohne Zuspruch – all das hat sich am Sonntag in vielen Tiroler Kleinstgemeinden ähnlich zugetragen.

Bürgermeister Markus Lorenz gefällt das. Er ist froh, wenn seine Gemeinde an einem Wahltag einmal aus dem öffentlichen Fokus herausfällt: „Bei uns gibt es so wenig Wahlberechtigte, dass das Ergebnis immer etwas auffällig ist, also besonders stark in irgendeine Richtung ausschlagen kann.“ Dies liege aber in der Natur der Sache – einfach in der geringen Fallzahl, ist der Dorfchef überzeugt. Nur 23 Kaiserinnen und Kaiserer schritten am Sonntag zur Urne. Jede einzelne Stimme veränderte das Gesamtwahlergebnis des Ortes gleich um mehr als vier Prozent – sicher einmalig in Österreich.

Lorenz ist jedenfalls froh, wenn Kaisers nicht in den Top­nachrichten erwähnt wird. Er glaubt, dass die frühere Skepsis gegenüber der EU im 1500 Meter hoch gelegenen Ort längst abgenommen hat. „Das Europäische Parlament ist einfach wichtig. Dort werden Gesetze gemacht, die uns alle im täglichen Leben betreffen. Die Diskussion über Krümmungen von Banane oder Gurke sind niveaulose Zuspitzungen. Es geht auch um das Friedensprojekt.“

Warten auf die Wähler – auch in Imst hielt sich der Ansturm in Grenzen. Die Wahlbeteiligung in der Bezirksstadt lag bei nur 29 Prozent.
© TT/Thomas Böhm

Gemeindeamt und Kirche liegen in Kaisers nicht weit auseinander. Viele verbanden diese zwei „Gänge“ am Sonntag miteinander. Alle nicht, denn im Gotteshaus waren mit über 30 Kirchgehern weit mehr Personen anzutreffen, als zur Wahl gegangen sind. Pfarrer Karlheinz Baumgartner wollte auch wählen – in Steeg. Er kann der Europäischen Union Positives abgewinnen. „Allein das damalige Eintreten der EU für Natura 2000 im Lechtal ist es wert, zur Wahl zu gehen“, zeigte sich der Geistliche als Befürworter der europäischen Idee.

Gar keine Scheu zeigten die Kaiserer und Kaiserinnen nach dem Verlassen des Wahllokals bei Fragen der Tiroler Tageszeitung. Helmut Lorenz etwa sah die EU-Wahl als „wichtigen Tag an. Jeder hat mit seiner Stimme die Möglichkeit, etwas zu verändern. Nicht viel, aber doch etwas“, war seine Motivation, wählen zu gehen. Stefanie Lorenz war nach Eigeneinschätzung zwar schon etwas zu alt, um Tiefschürfendes über die EU von sich geben zu können. „Aber wählen gehe ich selbstverständlich.“ Wen, wollte sie natürlich nicht verraten, aber immerhin so viel: „Das, was ich immer gewählt habe“, blieb die alte Dame ihrer Linie treu.

Spannendes Rennen in Hall: ÖVP, Grüne, SPÖ und FPÖ kamen in Hall bei plus/minus 20 Prozent zu liegen
© zeitungsfoto.at

„Wer nicht wählen geht, ändert sowieso nichts“, war sich Franz Maldoner sicher – und schritt zur Tat. Rosa Moll war überzeugt, dass die letzten 20 Jahre keine Spuren im Gemüt der Kaiserer hinterlassen haben und der Ort einen EU-Beitritt erneut mit großer Mehrheit ablehnen würde. Auch sie nutzte die Chance, zu wählen. Gleich wie Moll dachte auch Marlies Lorenz vom Gasthaus Vallugablick: „Die EU hat beides, Vor- und Nachteile, gebracht. Da kann es keine schnelle Antwort dazu geben. Ich glaube aber sicher, dass Kaisers bei der Beitrittsfrage wieder mit einem Nein stimmen würde.“ Josef Hauser glaubt hingegen, dass das Dorf heute „selbstverständlich mit einer Mehrheit“ beitreten würde.

Wilfried Maldoner hatte in Deutschland gewählt und war auf Verwandtenbesuch. „Brüssel ist uns doch im täglichen Leben weitaus näher als viele glauben. Wir sind zwar überverwaltet, aber es gibt viele Profiteure der Gesamtentwicklung“, zog er kurz vor Wahlschluss ein überwiegend positives Resümee.

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