Auf falschen Fährten ins Glück
Die Österreichpremiere der italienisch-slowenischen Komödie „Zoran – Mein Neffe, der Idiot“ eröffnet heute Abend die 23. Auflage des Internationalen Film Festivals Innsbruck.
Von Joachim Leitner
Innsbruck –Als Freizeitbeschäftigung bieten sich an der italienisch-slowenischen Grenze unweit von Gorizia zwei Möglichkeiten an: Entweder man geht zum Chor und versucht sich an mehrstimmigen Volksweisen, oder man geht in die Taverne. Und obwohl Paolo Bressan (Giuseppe Battiston) fraglos einen prächtigen Bariton abgeben würde, entscheidet er sich immer für Gustinos Bar. Dort kann der stämmige Enddreißiger umgeben von abgerissenen Suffköpfen Dampf ablassen und sich über die Chormitglieder, Gott und die Welt auskotzen. Paolo ist ein polternder Klugscheißer, einer, der alles besser weiß, nichts weiterbringt und die Ursachen seiner feuchtfröhlichen Misere immer bei anderen, bei seinem Arbeitgeber, seiner Ex-Frau, den Politikern oder den Spielern von Udinese Calcio findet.
Mit anderen Worten: Der „professionelle Trinker“ (Eigendefinition) beziehungsweise diese „Wurst auf zwei Beinen“ – so nennen ihn seine Saufkumpane – ist ein durch und durch unangenehmer Zeitgenosse, den seine Mitmenschen aus unerfindlichen Gründen noch nicht ganz abgeschrieben haben.
IFFI 2014 – Highlights
Mehr als 40 Filme aus 20 Ländern zeigt das 23. Internationale Film Festival Innsbruck von heute bis zum 1. Juni im Leokino und dem Cinematograph. Details zum Programm finden sie auf www.iffi.at.
IFFI Campus: Zum zweiten Mal wird das Künstlerhaus Büchsenhausen zur Begegnungsstätte von Nachwuchsfilmern und etablierten Profis. Lehrende der temporären Filmhochschule sind u. a. Kameramann Christian Berger und die Festivalgäste Edoardo Winspeare, Vlado Skafar und Karl Saurer.
Retrospektive Indien: Der hundertjährigen Filmtradition Indiens widmet das IFFI eine umfangreiche Filmreihe. Gezeigt werden u. a. Werke der Autorenfilmer Satyajit Ray („Pather Panchali“), Ritwik Ghatak („Ajantrik“) und Mrinal Sen („Ek Adhuri Kahani“). Auch der diesjährige Ehrenpreis des Festivals geht auf den indischen Subkontinent: Shaji N. Karun wird für seine Verdienste um das Weltkino ausgezeichnet.
Im Rahmen einer Werkschau präsentiert die türkische Filmemacherin Yesim Ustaoglu ihre vielfach ausgezeichneten Filme „Journey To The Sun“, „Waiting For The Clouds“ und „Pandora’s Box“ sowie ihre jüngste Arbeit „Araf – Somewhere in Between“.
Sein neuer Neffe Zoran (Rok Prasnikar), den Paolo nach dem Ableben einer slowenischen Verwandten „erbt“, bringt dieses Leben zunächst kaum durcheinander. Paolo will den zurückhaltenden Jungen schnellstmöglich wieder loswerden. Schon allein weil er so seltsam spricht, weil er nicht einfach aufs Klo muss, sondern aufgrund eines „unerträglichen Drängens den Sanitärbereich aufsuchen“ möchte. Sein etwas altbackenes Italienisch hat sich Zoran anhand zweier Uraltromane selbst beigebracht. Und schon diese Leistung zeigt, was sein neuer Onkel Paolo erst nach und nach bemerkt: Der seltsame Junge aus Slowenien ist kein Idiot, sondern ein äußerst eigenwilliges Wunderkind. Nicht nur in Fragen der Sprach- aneignung, sondern auch wenn es darum geht, mühelos das Zentrum einer Dartscheibe zu treffen. Und wenigstens damit sollte sich doch etwas Geld verdienen lassen, denkt jedenfalls Paolo.
Wer jetzt von Matteo Oleottos Film „Zoran – Mein Neffe der Idiot“, der heute Abend (19.30 Uhr) das 23. Internationale Film Festival Innsbruck (IFFI) eröffnet, eine Wendung in Richtung „Rain Man“ erwartet, folgt freilich einer raffiniert gelegten falschen Fährte. Der Plan, mit Zorans Talent fette Beute zu machen, geht in die Hose, bleibt – wie so vieles, das sich Paolo in den Kopf setzt – ein unausgegorenes Hirngespinst. Überhaupt entpuppt sich der im Vorjahr bei den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnete Film weniger als plotgetragene Erzählung, sondern als ebenso hintersinnige wie skurril-komische Charakterstudie. In kleinen, mit großem Gespür für Atmosphäre und betont untouristischem Lokalkolorit inszenierten Momentaufnahmen vollzieht Oleotto Paolos Wandlung vom zeternden Zyniker zurück zum fürsorglichen Onkel nach. Zoran, der vermeintliche Außenseiter, der einen anderen Außenseiter zurück in die Gesellschaft holt, ist der Motor für diese Entwicklung. Wie der junge Rok Prasnikar diesen Zoran in seiner ersten Kinorolle spielt, ist beeindruckend. Er verleiht ihm die Aura eines zwar ungewöhnlichen, aber aufrechten Helden: ein Ritter von trauriger Gestalt, aber letztlich siegbringender Beharrlichkeit. Zusammen mit Giuseppe Battiston, der bereits mit Roberto Begnini und Silvio Soldini zusammengearbeitet hat, bildet Prasnikar ein Leinwandgespann, das in Erinnerung bleibt.